Herman Kahn über die „deutsche Malaise“

Es gibt kaum ein anderes wohlhabendes Volk in der westlichen Welt, an dessen Tun und Lassen sich ein entscheidender, neuer Trend der Menschheit derart anschaulich ablesen ließe wie am Verhalten der Deutschen – jedenfalls der West-Deutschen. Beim Übergang zu einer hochtechnisierten Gesellschaft im postindustriellen Entwicklungsstadium, einer Wendemarke menschlicher Existenz, leiden besonders sie an den „Wachstumsschmerzen“, die beim Eintritt in diese Epoche offenbar unvermeidlich sind.

Deutschland steht im Grunde genommen nicht vor bedrohlichen oder gar unlösbaren Schwierigkeiten. Es ist vielmehr ein drastisches Beispiel für ein weiteres Phänomen, das vom Hudson-Institut mit der Bezeichnung „Ausbleiben des Erfolges“ umschrieben wird – oder, genauer, mit dem „Ausbleiben weiteren Erfolges nach voraufgegangenem Erfolg“. Es ist besonders für kritisch-distanzierte Beobachter überraschend, wie wenig ausgeprägt das Gespür für das mehr oder weniger natürliche Auf und Ab von Erfolg und Mißerfolg in deutschen Landen ist. Ob die Bürger der Bonner Republik nun einen schärferen Spürsinn für heraufziehende „schlechte“ Zeiten haben oder ob sie sich, ganz in der entsprechenden deutschen Tradition befindlich, besonders gern Betrachtungen über die Schattenseiten der Gegenwart hingeben, sei hier zunächst dahingestellt.

Als dieses Buch in Druck gegeben wurde, herrschte Mollstimmung im Lande, um nicht zu sagen Untergangsstimmung. Tiefe Depression und Zukunftsverdrossenheit begleitete die zwölfmonatige Arbeit der Autoren und ihrer Mitarbeiter von Anfang an.

Diese Seelenlage teilten die Deutschen freilich in abgewandelter Form mit vielen Zeitgenossen. Der Eintritt in die achtziger Jahre stand für die meisten Industrieländer unter ungünstigen Vorzeichen. Die achtziger Jahre werden auch weiterhin von dieser Malaise überlagert werden, denn zwei Jahrzehnte vor dem Eintritt in ein neues Jahrtausend bahnen sich grundlegende Veränderungen an: –

  • Abschied von der durch Amerika und Rußland bestimmten Zwei-Mächte-Welt;
  • der Pazifikraum schiebt sich kraftvoll in den Vordergrund des internationalen Geschehens;
  • die Dritte Welt übt Druck auf die Industriestaaten aus, ihr einen Teil der Fabrikation zu überlassen und
  • die Schwellenländer erweitern ihre Kapazitäten.

Was in Deutschland auffiel, war daher nicht allein der Pessimismus. Auffällig war vor allem der Mangel an zukunftsbezogenen Perspektiven.