Hermann Remmert

Wenn Charles Darwin die Evolutionslehre nicht geschaffen hätte, wäre er einer der größten Zoologen – vielleicht der größte Zoologe. Seine Beiträge zur Paläontologie, seine Beiträge zur Morphologie der verschiedensten Tiergruppen (etwa der Seepocken) heben ihn weit über seine Zeitgenossen heraus. Dazu kommen seine Arbeiten über die Entstehung von Korallenriffen, seine methodisch außerordentlich interessanten Gedanken über die mögliche Magnetorientierung der Bienen und seine Untersuchungen an Regenwürmern, mit denen er die heutige quantitative Ökosystemforschung vorwegnahm.

Und dazu kommt dann das überragende, ungeheure Werk der Evolutionstheorie, deren Wirken überall zu spüren ist: Die Philosophie überprüft Kants Kategorien im Licht einer evolutionären Erkenntnistheorie; die Psychologie untersucht Tiere, um Grundlagen menschlichen Verhaltens zu verstehen. Unser Bild des Universums, unser Bild des Menschen wurde revolutioniert. Der Biologie und damit auch der Ökologie war eine zentrale Stellung im Denken des Menschen zugefallen.

Wie Darwin können wir die Ökologie auf zweierlei Weise angehen. Entweder wir zählen, messen und wiegen die Regenwürmer einer Wiese und die Kühe, die auf der Wiese ernährt werden können, und dann stellen wir verblüfft fest, daß das Gewicht der Regenwürmer das der möglicherweise hier zu ernährenden Kühe deutlich übertrifft. Dies ist die funktionelle Betrachtung eines Ökosystems: Die Zersetzer in einem Ökosystem haben mehr zu tun als die Pflanzenfresser.

Wir können auch den anderen Weg gehen: Den, den Darwins Evolutionslehre vorgezeichnet hat. Die Kuh auf der Wiese ist (ebenso wie die blattfressenden Heuschrecken und Käfer) an die Aufnahme von Pflanzennahrung angepaßt. Pflanze und Tier haben sich zusammen entwickelt, sie unterliegen einer gemeinsamen Ko-Evolution.

Ob nun die Nahrung optimal genutzt wird, ob besondere Sinnesorgane ein besonders gutes Finden der Nahrung ermöglichen, ob bessere Bewegungsorgane ein schnelleres Aufsuchen guter Futterplätze ermöglichen, läuft letztlich auf das gleiche hinaus: Die beste Anpassung ist die beste Ökonomie im Lebensraum. Die alte Definition der Ökologie als Haushaltslehre der Natur, als Ökonomie der Natur, wird so verständlich.

Ökonomisch arbeiten, das ist gleichbedeutend mit Überleben der geeignetsten Organismen. So werden die vielen verschiedenen Pflanzenarten, Bakterien, Pilze und Tiere verständlich, die in einem Lebensraum nebeneinander existieren. Jede Form ist spezialisiert und dadurch irgenwie sicher vor der Konkurrenz der anderen. Die tiefwurzelnde Buche nimmt ihre Nährstoffe aus anderen Bodenschichten als die oberirdisch wachsenden Kräuter und Gräser. Der Kleiber ist den Meisen bei der Futtersuche am Baumstamm überlegen, die Meisen den Kleibern im dichten Geäst. Das alles ist nur auf Grund von Darwins Lehre erklärbar.