Von Klaus Pokatzky

Die Begegnung beginnt ganz so, wie er es auch in einem seiner Comics aus der alternativen Ssien darstellen könnte: Der linke Zeichner begrüßt den Journalisten in alten Arbeitsklamotten und mit einem dicken Malerpinsel in der Hand, er renoviert gerade Küche und Flur der Zwei-Zimmer-Altbauwohnung. Der Gast möge doch schon mal in sein Zimmer gehen. Das sieht aus wie Hunderttausende von Wohngemeinschafts-Zimmern, mit einer großen Stereoanlage, einem breiten Bett, ein paar schlichten Regalen, einem schönen Kleiderschrank aus hellem Holz, auf alt-bäuerlich gemacht, einem alten Sofa, Tisch, Sesseln. Der Hund wetzt herum, die Katze lungert träge auf einem Stuhl mitten im Raum.

Dann kommt der Zeichner, zur Begrüßung gibt es starken Tee und einen leichten Joint. Die Freundin, die im Flur gerade Kacheln gelegt hat, setzt sich auch dazu, und dann klingelt noch ein echter Kreuzberger Punk an der Tür, der nun die ganze Zeit aufpassen muß, daß seine gezähmte weiße Ratte auf seinem Arm bleibt, weil die träge Katze sich auf einmal interessiert aufgerichtet hat und die Ratte mit unentwegt zuckendem Hinterteil anglotzt.

„Jeder zweite ist hier ’ne Comic-Figur oder ein Monster“, sagt Gerhard Seyfried. Hier – das ist Berlin-Kreuzberg, wo es so ist, wie man sich das nach regelmäßiger Zeitungslektüre vorstellt; mit den alten Wohnblocks aus der Jahrhundertwende, Hinterhäusern, Höfen und Seitenflügeln, in denen vor allem Türken, Hausbesetzer und die alten Omas ins Auge fallen, die im Winter die Kohlen aus dem Keller schleppen – oder auch von ihren Punk-Nachbarn nach oben getragen bekommen.

Vor fünf Jahren ist Seyfried nach Berlin gezogen – aus München, seinem Geburtsort, der „zubetonierten Glas- und Polizeistadt“, in die Mauerstadt, die für ihn mittlerweile zum zentralen Ort auch der Zeichner und Musiker der Teile der jungen Generation wurde, die sich zwischen „Null-Bock“-Ausstieg und alternativ-engagiertem Einstieg bewegen.

Die alte Bürgerwohnung, die ganz früher mal Gästewohnung der Reichsregierung gewesen sein soll, hat er vor drei Jahren mit seinem Freund Christoph, einem Journalisten, im Handstreich instandbesetzt, als so etwas in Berlin zwar schon vorkam, aber noch keine Schlagzeilen machte. Inzwischen haben die beiden längst ihren ordentlichen Mietvertrag, und so kann Seyfried ganz ohne Räumungsangst im Sommer stundenlang am Fenster sitzen und da „an einem Tag mehr irre Typen vorbeilaufen sehen als in München in zehn Jahren“. Die irren Typen bevölkern, mit buntem Filzstift auf DIN-A4-Blättern gemalt, Seyfrieds drittes, vorerst letztes und erfolgreichstes (Auflage 177 000) Buch: „Invasion aus dem Alltag“ (Rotbuch-Verlag, Berlin, 14 Mark) – die Geschichte einer der Tausende links-alternativer Wohngemeinschaften, ihrer haschumnebelten Träume von Chaos und Anarchie und ihrer alltäglich nüchtern erlebten Umwelt mit Demonstrationen, Prozessen und Kontaktbereichsbeamten.

Seine beiden anderen Bücher („Wo soll das alles enden“, Rotbuch-Verlag, Berlin, 8 Mark; „Freakadellen und Bulletten“, Elefanten-Press-Verlag, Berlin, 9,80 Mark) haben zusammen über 200 000 Auflage, seine Karikaturen sind darüber hinaus als Postkarten über 400 000mal verbreitet oder verschickt worden. Damit ist der linke Seyfried nicht nur einer der bekanntesten Zeichner hierzulande, sondern auch einer der wohlhabendsten – ein Thema, über das er nicht so gern spricht. Wieviel er in den letzten Jahren, in denen Seyfried-Produkte in bestimmten Kreisen in und zum Bestandteil der Pinnwand über dem linken Schreibtisch wurden, verdient hat, mag er nicht sagen, auch nicht, ob er sich nun vorstellen könne, alternative Projekte zu fördern. Nur, daß es ihn beruhigt, nun einiges auf dem Konto zu haben, mit dem er sich altgehegte Wünsche leisten kann, läßt er sich entlocken: die schöne Stereoanlage mit den zwei Kassettendecks, das große Sortiment von Farbstiften.