Jeder Mensch liebt den Frieden, jeder fürchtet die Gewalt – eine einfache Wahrheit. Doch wenn die Wahrheit so einfach ist, wieso ist die Welt dann so schwierig? Sind es wirklich nur die falschen Philosophien, die falschen politischen Systeme, die falschen Politiker, die den Menschen am einfachen, am wahren Leben hindern? Oder ist das Gegenteil der einfachen Wahrheit nicht leider ebenso wahr: jeder Mensch fürchtet den Frieden, jeder liebt die Gewalt?

In den Tragödien gibt es Kriege und Tote, in den Komödien gewöhnlich nicht. Trotzdem (oder Büchners gehören einige der schönsten Lustspiele zu den traurigsten Stücken der Welt. In Georg Büchners Drama „Leonce und Lena“ sagt ein schwermütiger Prinz, was die Menschheit und den Menschen vernichtet: nicht der Krieg, sondern die Langeweile. „Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben sich, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile, und sterben endlich aus Langeweile.“ Man kann den Monolog des Prinzen Leonce um einen Satz verlängern: Sie töten auch aus Langeweile.

Prächtige Schiffe verlassen den Hafen, die Menschen am Pier winken, lachen, weinen: Es kommt Krieg! Am anderen Ende der Weltkugel stehen junge Männer mit freudig-fiebrigen Gesichtern Schlange – sie wollen zu den Waffen, denn es kommt Krieg! Natürlich sieht der deutsche Intellektuelle (Friedensfreund, Feuilletonist) dergleichen martialische Szenen, ob aus Portsmouth oder Buenos Aires, mit Entsetzen und Abscheu. Er hofft, ganz aufrichtig, daß ausgerechnet jener Mr. Haig den Frieden noch einmal retten wird. Er ist sicher, daß er selber niemals dem dumpfen und dummen Zauber der Gewalt erliegen wird.

Wenn der Fernseh-Krieg um die Falklands diese Woche doch nicht stattfinden sollte, werden wir alle, ganz ehrlich, glücklich sein – und wenn wir ganz ehrlich sind, doch so etwas wie klammheimlich enttäuscht, und sei es nur über das plötzlich wieder so langweilige Fernseh-Programm. Also wieder nur die Regierungskrise, wieder die Tarifverhandlungen; wieder dieselben Hauptdarsteller, die nun wirklich keiner mehr sehen mag; wieder Schmidt und Kohl und Kluncker und Krause.

Wir alle (und wir „Kulturmenschen“ besonders) haben uns daran gewöhnt, unsere Zeit und unsere Republik in den grauesten, trübsten Farben zu malen. Deutschlang im Herbst – es grassiert ein entsetzliches Mittelmaß. Mancher ist darüber tatsächlich verzweifelt – und verstummt. Mancher kann seine Verzweiflung noch glaubhaft artikulieren. Viele aber haben sich in der „Eiszeit“ längst komfortabel eingerichtet, aus ihrer Verzweiflung ein Theater gemacht: Die intellektuelle Szene ist zur Zeit dicht bevölkert von Verzweiflungs-Darstellern, Anarchismus-Mimen, die noch in der tiefsten Trauer um Deutschland immer genau wissen, wo gerade die Kamera steht: Dein Auftritt, Desperado!

So ist es nachgerade schick geworden, unseren bald vierzigjährigen (sozial-demokratischen) Frieden in aller Friedensliebe höhnisch zu verachten. Wer mitreden will, redet jetzt vom Weltuntergang – und viele wärmen sich an solchen Reden.

Natürlich ist die Apokalypse ein besseres Gesprächsthema (und überdies ästhetisch weitaus reizvoller) als der öde politische Betrieb. Wenn der Dichter Heiner Müller erklärt, „Mein Hauptimpuls ist die Zerstörung“, wenn der Dichter Thomas Bernhard die Welt mit allem Witz zur Hölle wünscht, sollten wir zuhören, lachen und erschrecken. Aber weghören (oder widersprechen), wenn ihre sich rapide vermehrenden Epigonen, kunstvoll schlecht rasiert, den Kino-Hut malerisch ins Gesicht gedrückt, in allen Salons wieder einmal verkünden, wie katastrophal uninteressant doch diese unsere (Friedens-)Zeit ist. Es ist nicht immer fair, die langweilige Welt für die eigene Langweiligkeit haftbar zu machen.