Der Evolutionsgenetiker Theodosius Dobzhansky hat unnachahmlich treffend bemerkt: „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn, außer im Lichte der Evolution.“ Das heißt, die Biologen hätten sicher eine Unmenge an Faktenwissen angehäuft, aber aus der Fülle des Lebendigen wäre letztlich doch nur ein Datenfriedhof, ein Massengrab beliebiger Phänomene geworden, ohne Bezug zueinander, ohne Existenzbegründung. Wir verstehen das, was ist, nicht, wenn wir nicht begreifen, wie es geworden ist. Wir können es allenfalls beschreiben. Das Bedürfnis, zu begreifen, wie die lebendige Welt um uns und mit uns so geworden ist, wie wir sie vorfinden, gab es natürlich lange vor Darwin. Aber erst nach Darwin und durch Darwin war ein Weg gewiesen, wie vorurteilsfreies Forschen diese Frage beantworten kann. Das soll nicht heißen, daß Darwin ans alle Antworten gegeben hat: Seine wirkliche Leistung bestand dann, den Weg zu zeigen und das Vertrauen zu wecken, ihn zu gehen.

Wenn man den Einfluß Darwins auf die biologische Verhaltensforschung betrachtet, so muß erstaunen, daß es so lange dauerte, bis er sich wirklich auswirkte. Dabei finden sich in Darwins Werken – vor allem über die Entstehung der Arten, über sexuelle Selektion und über den Gemütsausdruck bei Tier und Mensch – nahezu alle Themen einer Forschung, die die Anpassungsleistungen des Verhaltens aufzuklären sucht.

Darwin verdanken wir zum Beispiel die Einsicht, daß wir das Werden der Organismen und ihres Verhaltens nicht verstehen, wenn wir in ihnen nur die unvollkommenen Realisationen der eigentlich wesentlichen Idealtypen sehen. Wir müssen die Merkmalsverteilungen in wirklichen Populationen studieren, wenn wir das Leben verstehen wollen (der Begründer der biologischen Statistik, Sir Francis Galton, war Darwins Vetter). Doch erst in den letzten Jahren setzte sich diese Einsicht in der Verhaltensforschung vollends durch. Oder nehmen wir eine ihrer angeblich neuesten Errungenschaften, die evolutionäre Erkenntnistheorie (von Konrad Lorenz im Kern immerhin vor über 40 Jahren formuliert). Hätte es überhaupt so lange dauern dürfen? Darwin machte folgenden Notizbucheintrag: „Plato schreibt in ‚Phädon‘, daß unsere imaginären Vorstellungen aus dem früheren Dasein der Seele emporsteigen, daß sie sich nicht aus Erfahrung ableiten lassen – lies ‚Affe‘ statt ‚früheres Dasein‘“.

Ohne Darwin gäbe es keine Verhaltensforschung, die der Erwähnung wert wäre.

Prof. Hubert Markl

(Spezialgebiet: Verhaltensphysiologie)

Universität Konstanz