Fast alle Welt redet von einer weiteren Verkürzung der Arbeitszeit. In der Bundesrepublik wird vor allem die Forderung nach geringerer Lebensarbeitszeit zum Gemeinplatz der Parteien und der Gewerkschaften. Nun aber plädiert ausgerechnet das Internationale Arbeitsamt in Genf für das genaue, Gegenteil – ein Aprilscherz?

Das Thema ist eine Art von „Selbstläufer“ geworden: Alle sprechen es an, alle stimmen überein, kaum einer zweifelt an seiner Dringlichkeit. Als einer der Letzten hat CDU-Generalsekretär Heiner Geißler der Bundesregierung und den Tarifparteien vorgeschlagen, „die Voraussetzung für eine Herabsetzung der Lebensarbeitszeit“ zu schaffen. Der Bundessozialminister käme dieser Aufforderung auch herzlich gern nach, würde er nicht noch durch einen Rest an Skepsis der Freien Demokraten (die im übrigen selbst auch schon für eine kürzere Lebensarbeitszeit plädiert haben) und des Bundesfinanzministers daran gehindert.

In dieser fast schon eintönig gewordenen Debatte fällt es natürlich auf, wenn jemand öffentlich erklärt, das genaue Gegenteil, eine Erhöhung des üblichen Pensionsalters also, sei „theoretisch verlockend, praktisch aber schwer ... durchzuführen“. Noch mehr wächst das Interesse, wenn man sieht, wer dies sagt: die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) in Genf, eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen – eine arbeitnehmernahe Einrichtung.

Unter den verschiedenen möglichen Argumenten für eine Heraufsetzung der Höchstaltersgrenze wählt die IAO nur eines aus: Das demographische Argument. Es geht davon aus, daß die reichen Industriegesellschaften zusehends „alt“ werden – ein immer größerer Teil ihrer Bevölkerung ist mindestens 65 Jahre alt. Dieser Prozeß der Überalterung engt, zumal bei der allgemeinen Dynamisierung der Leistungen für die soziale Sicherung der Bürger, die Möglichkeiten wirtschaftlichen Wachstums immer mehr ein. Der Wunsch nach Sicherheit der Renten wird in den kommenden Jahrzehnten immer härter mit den Protesten über die Bürde wachsender Sozialbeiträge kollidieren. Zu einem Teil, so auch das IAO, ließe sich diese Gefahr ausräumen, machte man die Altersgrenze flexibel – nun aber nach oben. Mandl einer würde vermutlich gern von einer solchen Möglichkeit Gebrauch machen: weil er gern arbeitet, und weil er seine Rente verbessern möchte.

Damit deuten wir bereits an, daß auch ein humanitäres Argument für eine nach oben hin flexible Altersgrenze spricht. Wir hören es vor allem aus den USA – ausgesprochen von den „Grauen Panthern“, einer politisch durchaus einflußreichen Organisation älterer Menschen. Viele von ihnen haben Ronald Reagan gewählt. Es kommt deshalb nicht von ungefähr, daß der amerikanische Präsident die Höchstaltersgrenze, nachdem sie schon in der jüngeren Vergangenheit auf siebzig (!) Jahre angehoben worden ist, weiter erhöhen will. Zwar spielen dabei auch die absehbaren Riesendefizite der US-Sozialversicherung eine Rolle, und sicher müssen auch die für unsere Verhältnisse bescheidenen Alterseinkommen der Amerikaner erwähnt werden. Das Verbot der „Nicht-Diskriminierung“ arbeitswilliger alter Menschen bis siebzig aber ist auch von humanen Motiven geprägt.

Schließlich aber sollte noch ein wirtschaftliches Argument für eine höhere und gegen eine niedrigere Altersgrenze angeführt werden. Die simple Formel „Arbeit schafft Arbeit“ hat noch immer viel für sich: Sie hat sich in den Jahren nach dem Kriege bewährt, als, trotz hoher Arbeitslosigkeit, die zeitlichen Anforderungen an die Arbeitenden größer waren als heute. Und sie ist heute nicht schon deshalb falsch, weil der technische Fortschritt viele traditionelle Arbeitsplätze vernichtet. Es gibt noch viele ungenutzte Möglichkeiten des Wachstums und des Wohlstandes. Man muß sie sich nur erarbeiten – wenn ältere Menschen daran mitwirken wollen, sollte man sie nicht hindern. Dieter Piel