Franz Beckenbauer, einst des deutschen Fußballs „Kaiser“, hat das zweifelhafte Vergnügen, sich in den Zeitungen neuerdings vorzugsweise in horizontaler Lage abgelichtet zu sehen. Mal von rechts, mal von links, mal von vorn lächelt er da, still und ergeben, aus den photogen aufgeschüttelten Kissen des Lazarettflügels der Bundesliga. Es hat sich so eingespielt: Auf die allfällige Verletzung des anfällig gewordenen Stars folgt prompt der Schuß aus der Klinik. Und die Schlagzeile dazu ist uns auch schon zur lieben Gewohnheit geworden: Derselbe Beckenbauer, die nächste Verletzung.

Was Franz Beckenbauer widerfuhr, seit er sich ein bißchen leichtfertig entschloß, die allerletzte Runde seiner Karriere wieder im trauten Bundesligakreise zu drehen, muß den hartgesottensten Stehkurven-Rowdy zu Tränen rühren. Gerade ein halbes Dutzend Spiele hat er machen können in dieser Saison für den HSV, im übrigen war er verletzt, angeschlagen, außer Gefecht.

Jüngst hat ihn ein Kollege aus den eigenen Reihen im Übereifer seiner Strafraumtätigkeit versehentlich aufs neue für einige Wochen mattgesetzt: „Beckenbauer von Hrubesch gerammt“, meldete das Massenblatt in seiner zupackenden Art – die Geschichte der letzten Tage des Kaisers Franz und die Berichterstattung darüber entbehren nicht der tragikomischen Momente.

Es ist, als habe sich des Fußballs ganzer Jammer auf Franz Beckenbauer konzentriert, ausgerechnet auf einen wie ihn, der sich sein Leben lang mit Recht als ein Glückskind betrachten durfte. Plötzlich steht er da in einer ganz neuen Rolle, als einer, der das Unglück in Serie auf sich zieht: Hiob im Hamburger Volkspark.

Noch haben wir eine vage Vorstellung von einem Franz Beckenbauer, der leichtfüßig und elegant per Doppelpaß durch fremde Strafräume spaziert, von einem stolzen Libero, der selbstbewußt bis arrogant mit strengem Fingerzeig die eigenen Mannen zur Räson bringt – doch nach dieser penetranten Unglückslitanei, dieser schier alttestamentlichen Serie von Nackenschlägen hat ein kaisertreuer Fan nun wirklich allen Grund zu der besorgten Frage: Wie lange noch?

Am 1. Juni will Franz Beckenbauer, in einem Spiel des HSV gegen die Nationalelf, endgültig den längst eingereichten Abschied nehmen. Wenn nicht noch ein Wunder sportlicher Rekonvaleszenz geschieht, wird er bis dahin nicht mehr viel Gelegenheit haben zu verhindern, was er gern verhindern möchte: daß ihn sein Publikum als Invaliden in Erinnerung behält. Der „Kaiser“ liegt in den letzten Spielzügen – das hat sich inzwischen herumgesprochen und beginnt sich in den Köpfen festzusetzen. Fällt der Name Beckenbauer, denkt man an einen Star auf dem Altenteil, an einen netten älteren Herrn mit allerlei Gebrechen...

Dank der unermüdlichen Bemühung, aus jeder Zerrung ein Ereignis, aus jedem kleinen Fehler eine Katastrophe zu machen, ist Franz Beckenbauer in der öffentlichen Vorstellung zum Pflegefall geraten, und das Erstaunliche daran ist, daß er das mit sich hat geschehen lassen. Brav lieferte er, wann immer jemand ein Interview von ihm wollte, die Stichworte zu den Artikeln, mit denen sie ihn zum Mann der Schmerzen stilisierten; brav hat er, der einstige Kapitän der Nationalelf, in seiner Mannschaft immer die Rolle gespielt, die man ihm zugestand. Die Führungsrolle war es nicht. Franz Beckenbauer hat sie nicht gewollt. Und in dieser mangelnden geistigen Bereitschaft liegt, so ist zu vermuten, der Grund dafür, daß es am Ende auch an der physischen Bereitschaft fehlte.