Am Ende des jüdischen Pessach-Festes wächst die Sorge vor einem neuen Nahost-Krieg. Trotz aller Spannungen hat der israelische Ministerpräsident Menachem Begin jedoch bekräftigt: Er halte sein Wort, daß die letzten israelischen Soldaten den Sinai bis zum 25. April verlassen werden.

Eine der Lunten an das nahöstliche Pulverfaß legte am Ostersonntag der israelische Reservist Alan Goodman, ein 33jähriger Neueinwanderer aus Amerika, der vor zwei Wochen seinen Dienst im besetzten Nablus (Westjordanien) angetreten hatte. Mit seinem Schnellfeuergewehr stürmte er auf den Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt oberhalb der Klagemauer, erschoß zwei arabische Wächter, verbarg sich im Felsendom, leerte noch, wild um sich schießend, zwei Magazine und wurde schließlich von israelischen Grenzpolizisten überwältigt. Er habe den PLO-Anschlag auf einen Bus, bei dem vor vier Jahren 34 Israelis getötet worden waren, rächen wollen, erklärte Goodman.

Nach, dem Amoklauf rotteten sich arabische Jugendliche auf dem Tempelplatz zusammen und bedrohten den geisteskranken Mordschützen und die Polizisten, die von ihren Waffen Gebrauch machten. Dabei wurden zwei weitere Araber getötet. Über hundert Menschen, darunter auch Touristen, wurden von Israelis, vornehmlich bewaffneten Siedlern, und steinewerfenden Arabern verletzt.

Die Folgen des Zwischenfalls, der an den Brandanschlag eines verwirrten australischen Schafzüchters und christlichen Sektenmitglieds auf die Jerusalemer Al Aksa-Moschee 1969 erinnert:

  • Der Oberste Moslemische Rat, der auch die israelische Politik für das jüngste Attentat verantwortlich macht, ordnete einen siebentägigen Generalstreik an; in den Städten und Flüchtlingslagern in Westjordanien und im Gazastreifen kam es wieder zu Unruhen, die Tote und Verletzte forderten.
  • Regierungschef Begin bedauerte die Bluttat. Die beiden Chefrabbiner erklärten, der Täter habe sich selber aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen.
  • Bürgermeister Teddy Kollek sprich von dem schlimmsten Angriff, auf die israelisch-arabische Gemeinschaft der Stadt und warnte vor radikalen Siedlern, die „eine Atmosphäre schaffen, in der Fanatismus wächst“.

Zur gleichen Zeit droht an der israelisch-libanesischen Grenze der Ausbruch eines neuen militärischen Konfliktes wie 1978 mit der „Litani-Operation“, als israelische Truppen eine Woche lang PLO-Stellungen im Süden Libanons ausräucherten. Angeblich haben die Israelis bereits zwei Divisionen in ihren Stellungen zusammengezogen und ihre Waffendepots verstärkt. PLO-Chef Arafat und Syrien, das seine im Libanon stationierten Truppen (26 000 Mann) mit neuem Kriegsgerät ausrüstete, rechnen täglich mit einem Einmarsch.

Sieben Stunden hatte das israelische Kabinett die Situation beraten. Danach versicherte Begin dem US-Botschafter Lewis: „Wir halten uns an die Feuereinstellung“ (die vor neun Monaten mit Hilfe des amerikanischen Vermittlers Habib vereinbart worden war). Aus Sorge vor einem Aufflackern der Feindseligkeiten schickte Präsident Reagan den Vizeaußenminister Stoessel in das Krisengebiet.

D. St.