Nach vier Jahren stehen die Mörder des Christdemokraten Aldo Moro in Rom vor Gericht. Im Rückblick wird deutlich: Moros Tod hat Italiens Innenpolitik stark verändert.

Nach Monaten trügerischer Stille und beachtlicher Polizeierfolge erinnerte ein Feuerüberfall der Roten Brigaden vor dem schwerbewachten Gerichtssaal schon am Vorabend des Moro-Prozesses daran, „daß der Kampf noch lange nicht zu Ende ist und hart sein wird“, wie Ministerpräsident Spadolini kommentierte.

Die Aussichten, Italien aus der Krise zu führen, sind trotz der jüngsten Erfolge im Kampf gegen den Terror nicht günstig. Die Parteien haben sich seit 1978 weit von jener „nationalen Solidarität“ entfernt, in die Aldo Moro immer auch die Kommunisten hatte einbinden wollen. KPI-Chef Berlinguer rühmt ihn dafür noch heute als „aufgeklärten Konservativen“. Gleichzeitig werden Aussagen der Witwe Moros bekannt, in denen fatale Hintergründe aufleuchten: Dem christdemokratischen Politiker war auf „diplomatischem Parkett“ mit persönlichen Folgen gedroht worden, falls er bei seinem Kurs bleibe.

Moro war verschiedenen Leuten in West und Ost ein Dorn im Auge. Für ihn hatte niemand Lösegeld lockerzumachen versucht wie jüngst für seinen neapolitanischen Parteifreund Cirillo. Moro war wichtiger; sein Tod hat Italiens Innenpolitik verändert. Vergebens sucht das Land seitdem nach Stabilität ohne die Kommunisten. Daß Italien jedoch seine „kommunistische Frage“ lösen müßte, um selbst „erlöst“ zu werden, wußte nicht nur Moro. Seine Erben bleiben mit dieser Aufgabe konfrontiert.

Regierungschef Spadolini, der sich sonst gern selber auf die Schultern klopft, dämpft seinen Optimismus immer mehr. In dramatischem Ton malt er die Gefahr wirtschaftlichen Zusammenbruchs und innenpolitischer Krise an die Wand. Ihre Symptome: plötzlich und schnell kletterndes Außenhandelsdefizit, rasanter Abbau der Devisenreserven durch verzweifelte Abstützung der Lira, wachsende Unlust der ausschlaggebenden Koalitionspartner – der Christdemokraten und der Sozialisten – miteinander und mit Spadolini, dem Exponenten der republikanischen Zwergpartei, wirksam zu regieren. Zwar weist jeder der beiden Koalitionspartner das verbreitete Gerede von Regierungskrise und Neuwahlen weit von sich, doch nur, um eben solche Absichten dem anderen zu unterstellen.

Die Sozialisten, denen bei Neuwahlen 15, ja 20 statt zehn Prozent prophezeit werden, spekulieren auf den Posten des Regierungschefs; sie sind überzeugt, für die Christdemokraten unentbehrlich zu sein. Doch die Democrazia Cristiana könnte sich bei ihrem Kongreß Anfang Mai diesem Zwang entziehen – wie sie es 1980 gegenüber den ungleich stärkeren Kommunisten getan hatte. Die Kommunisten, trotz ihrer Abkehr von Moskau in einer wenig glänzenden Isolierung, schwanken jetzt, wem sie und um welchen Preis ihre Partnerschaft anbieten könnten.

Hansjakob Stehle (Rom)