ZEIT: Herr Bundeskanzler, SPD-Parteitage gehören in der Bundesrepublik Deutschland traditionell zu den aufregendsten Veranstaltungen – vor allen Dingen vorher. Das gilt auch für den Münchner Parteitag. Die Opposition erwartet, daß dort die Regierungsunfähigkeit der SPD vollends sichtbar wird. Die FDP schaut mißtrauisch darauf, ob ihr ein Koalitionspartner abhanden kommt. Die Journalisten erwarten ein dramatisches Schauspiel. Die Genossen erhoffen sich, daß sozialdemokratische Politik erkennbar wird, ein „Neuanfang“. Das sind sehr viele widersprüchliche und verschiedene Erwartungen. Was sollte der Parteitag nach Ansicht des Bundeskanzlers leisten?

Schmidt: Die deutsche Publizistik und der deutsche Journalismus haben sich angewöhnt, jeden sozialdemokratischen Bundesparteitag im Vorfelde für ein unerhört dramatisches Ereignis zu halten und ihm zu bescheinigen, daß er von Kämpfen und Auseinandersetzungen geschüttelt sein würde. Wenn die Parteitage vorbei waren, war das Echo meistens nur noch relativ kurz, und manche hatten den Mut nicht, die vorher geschriebenen Kommentare nachträglich zu korrigieren. Das wird auch diesmal so sein.

Die Aufgabe eines Parteitages ist immer: offene und öffentliche Diskussion aller nur denkbaren streitigen Fragen. Sie ist zugleich Vergewisserung über den eigenen Standort. Und sie ist stets auch Selbstverständigung über den unmittelbar bevorstehenden Weg.

In manchen Fällen – so Godesberg 1959 – hat der Parteitag darüber hinaus die Aufgabe einer Selbstverständigung über den ferneren Weg, nicht nur über die unmittelbare, sondern über eine mittlere, vielleicht sogar eine lange Zukunft. Das tritt diesmal wahrscheinlich in den Hintergrund.

Ich nehme an, in München wird die Standortbestimmung im Vordergrund stehen: Zwischenbilanz und Wegbestimmung für die zweite Hälfte der gegenwärtigen Legislaturperiode des Deutschen Bundestages.

ZEIT: Der Münchner Parteitag findet in einem Augenblick statt, in dem das Erscheinungsbild der SPD in der Öffentlichkeit so schlecht ist wie seit langem nicht mehr. Weite Teile der Öffentlichkeit – auch Ihre eigenen Anhänger – meinen, daß die Koalition in diesem Jahr auseinanderbrechen könnte. Unbeweglichkeit bescheinigen manche nicht nur dem Tanker SPD, sondern in letzter Zeit auch dem sozialdemokratischen Kanzler. Ein Beispiel: Über die Kabinettsumbildung wird so lange geredet, bis eine Ministerin mit ihrem Rücktritt das Schneebrett lostritt und es so aussieht, als ob der Bundeskanzler nicht mehr Herr des Verfahrens sei.

Was kann der Parteitag an diesem dreifach trübe gewordenen Erscheinungsbild ändern?