Naturwissenschaftliche Theorien, auch die der Evolution, sind nicht Voraussetzung für spezielle Arbeiten wie vielfach sogenannte Theorien in manchen Sozialwissenschaften, sondern die Ergebnisse vieler Spezialarbeiter

Darwin schloß zum Beispiel, nicht aus, daß Variationen der Organismen, das Material für die Selektion, direkt durch Außeneinflüsse entstehen. Die „Vererbung erworbener Eigenschaften“, in Lamarcks Evolutionshypothese entscheidender Faktor, wurde erst durch die Genetik allmählich eliminiert.

Auch Botaniker meinten noch bis Anfang des Jahrhunderts, die Mikroevolution besser neo-lamarckistisch durch „direkte Bewirkung“ verstehen zu können. So sollte der Boden, auf dem Pflanzen wachsen, die Unterschiede zwischen nahe verwandten Pflanzen „direkt bewirkt“ haben. Meine Doktorarbeit und anschließende Ernährungs- und Kreuzungsexperimente konnten in zehn Jahren (1928-1938) keine Anhaltspunkte für neo-lamarckistische Deutungen finden, obwohl nach ihnen gesucht wurde, wohl aber sind die physiologischen Merkmalsunterschiede, die Anpassungen an den Boden und die morphologischen Differenzen, nach denen die Taxonomen die Pflanzen benennen, von mendelnden Genen bedingt, und ihre Kombination geht auf Selektion und historischen Zufall zurück.

Manche Pflanzen brauchen zur Blütenbildung kurze Tage, andere eine Reihenfolge verschiedener Tageslängen oder bestimmte Temperaturen. Diese Anpassungen an verschiedene Klimate, die unzeitgemäßes Blühen verhindern, sind durch mendelnde Gene bedingt. Ihre Unterschiede sind also durch Mutationen entstanden, die angepaßten Kombinationen durch die Außenbedingungen selektiert.

Als ich in den vierziger und fünfziger Jahren daran beteiligt war, am Tabakmosaikvirus „molekular“ zu verstehen, was Mutationen sind, wurde mit letzter Sicherheit erkannt, daß weder die spontane Mutation noch die experimentelle Auslösung mit chemisch verständlichen Reaktionen einen direkten Zusammenhang zwischen Mutationsauslösung und Anpassung zuläßt.

Meine zellbiologischen Arbeiten, Hybriden nicht sexuell, sondern durch Fusion von nackten Körperzellen zu erzeugen, haben zunächst keinen Zusammenhang mit Fragen der Evolution.

Geschichte ist einmalig und irreversibel. Die neo-darwinistische Evolutionstheorie existierte, als ich arbeitete. Die Frage, wie meine Arbeiten, die auf Widersprüche mit ihr gefaßt waren, ohne sie „aussehen würden“, ist unrealistisch. Ich fand keine Widersprüche.