Von Michael Naumann

Washington, im April

In bedrückendem Kriegsschiffgrau sind Zimmerwände, Stahlstühle und -tische im zentralen Fürsorgeamt der South Bronx gestrichen: Gamaliel River, in Puerto Rico gebürtig, seit Jahren in New. Yorks Sorgenviertel ansässig (24,9 Prozent Arbeitslosigkeit), wartet nun schon seit drei Stunden darauf, daß sein Name aufgerufen werde. Ringsum weinen die Babys arbeitsloser Mütter. Der 25jährige, ebenfalls arbeitslose Bauzeichner lebt von 550 Wohlfahrtsdollar im Monat. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. "235 Dollar gehen für die Miete ab", sagt er, "ohne meinen Bruder müßte ich hungern." Da kommt der Aufruf – "Mr. Gamaliel River!" – hoheitsvoll und ablehnend. Ein Heizkostenzuschlag kann nicht mehr gewährt werden.

"Das System hier ist von innen faul", sagt der Enttäuschte. Doch er meint nicht Ronald Reagans Wirtschaftspolitik, sondern die Bürokraten hinter ihren Formular- und Aktenbergen. Im laufenden Haushaltsjahr haben die konservativen Republikaner in Washington 35 Milliarden Dollar aus diversen Sozialprogrammen gekürzt; im nächsten Bundesetat will Ronald Reagan noch einmal 40 Milliarden Dollar streichen: Amerikas 29,3 Millionen "offiziell Armen" (mit einem Jahreseinkommen von höchstens 8414 Dollar) haben keine Lobby in Washington. Und so richtet sich der Zorn der Fallengelassenen zuerst gegen die Verwaltung des Elends "vor Ort".

Wo – wie in der South Bronx und in anderen Elendsvierteln der nationalen Metropolen – hohe Arbeitslosigkeitsraten, Alltagskriminalität und Drogensucht den gesellschaftlichen und familiären Lebenszusammenhang zerreißen, da interessiert die akademische Diskussion nicht, ob sich Amerika nun in einer Rezession oder gar in einer Depression wie in den dreißiger Jahren befinde. In jedem Falle figurieren die notorisch Armen in Ronald Reagans Wirtschaftsphilosophie als verdächtige Randerscheinungen einer Strukturkrise, die nach seiner Überzeugung nicht er, sondern seine sozialpolitisch engagierten Vorgänger im Weißen Haus zu verantworten hätten. "Armut ist nur ein Definitionsproblem", meint ein kühler Apologet des Reaganismus, der Philosoph Robert Nozick; und Ronald Reagans sozialpolitischer Berater Roger Carleson hält die barmherzige Umverteilung von Gütern zwar für ein "edles Anliegen", doch für edle Anliegen sei das Weiße Haus nicht zuständig.

Daß des Präsidenten konservativer volkswirtschaftlicher Datenkranz gleichsam "menschenleer" sei, seinem ökonomischen Sanierungsplan also einige politisch-moralische Einheiten fehlen – das gerät Ronald Reagan angesichts des größten Haushaltsdefizits der amerikanischen Geschichte (120 Milliarden, vielleicht 160 Milliarden Dollar im nächsten Jahr) und angesichts der höchsten Arbeitslosigkeit seit 1941 (9,9 Millionen bei 110 Millionen Arbeitnehmern) zum Vorwurf der Opposition. Der Präsident, kommentiert die liberale Zeitschrift New Republic, habe ganz offensichtlich Lyndon B. Johnsons "Krieg gegen die Armut" verwandelt in einen "Krieg gegen die Armen". Reagan wehrt sich: Er sei, sagt er, ein "sentimentaler Kerl".

"Steckengeblieben" aber ist für Ronald Reagan vor allem die Wehrbereitschaft des Landes: Im 757,6 Milliarden Dollar großen Bundeshaushalt 1983 beansprucht das Pentagon mit 221,1 Milliarden den einzigen "Wachstumsposten"; dem Zuwachs von 33,6 Milliarden Dollar gegenüber dem laufenden Haushaltsjahr stehen Schrumpfungen gleicher Höhe in den sozialen "Berechtigungsprogrammen" gegenüber.