Bielefeld: „Joseph Kossuth“

Unter all jenen Künstlern, die sich zur Aufgabe gemacht haben, die Grenzen des Darstellbaren in der Kunst zu erforschen und dabei in den Bereich der Wissenschaft vorgedrungen sind, ist der Amerikaner Joseph Kossuth derjenige mit den noch interessantesten künstlerischen Ergebnissen. Fast schon zu Klassikern der Concept Kunst geworden sind einige Arbeiten, in denen er mit der Realität (Objekt), ihrer Abbildung (Photo) und ihrem Begriff (lexikalisch) spielt. Ein beliebiger Stuhl wird aufgestellt, photographiert. Das Photo hängt neben dem Stuhl, und aus einem Lexikon wird das Stichwort Stuhl reproduziert und ebenfalls aufgehängt. Der Mangel, der an jeder der drei Erscheinungsformen des „Stuhls“ sichtbar wird, kann durch die Ergänzung der beiden anderen aufgehoben werden, und dennoch setzt sich kein Bild zu jener Ganzheit zusammen, die sich mit unserer Vorstellung eines Stuhls deckt. Natürlich geht es Kossuth bei solchen Arbeiten darum, die Grenzen der Realität und ihrer Darstellbarkeit, also auch die Grenzen der Kunst selber zu markieren. Auf dieses Ziel hinzuweisen heißt allerdings, Kossuth wie selbstverständlich in den Kontext der Kunstgeschichte zu stellen, denn um diese Grenzen ist es Künstlern immer und zu allen Zeiten gegangen. Kossuth allerdings bezieht eine Dimension in die Darstellung ein; die bislang eher der theoretischen Auseinandersetzung mit Kunst angehörte: den Begriff. Dieser aber ist etwas naturgemäß Abstraktes, nicht Darstellbares. Um ihn in die Welt der Dinge einbeziehen zu können, müssen Hilfskonstruktionen gewählt werden. Daß manche Arbeiten Kossuths an Marcel Duchamp, generell an die Dadaisten erinnern, ist kein Zufall. Indessen, ihnen fehlt fast gänzlich deren sinnlich-künstlerische Dimension. Ihre Erscheinung ist sogar nicht selten nur eine Art Gebrauchsanweisung, ein Wegweiser in die besondere Logik der künstlerischen Tautologien. Das macht manchmal den Eindruck, als wäre diese Kunst ausgedörrt und unsinnlich, ja verbissen und rechthaberisch. Obwohl der von der Stuttgarter Staatsgalerie und der Kunsthalle Bielefeld ausgerichteten Ausstellung ein umfangreicher und sehr gut ausgestatteter Katalog beigegeben ist, bleiben gerade die Erklärungen und theoretischen Texte Kossuths und auch die seiner Interpreten einer Wissenschaftssprache verhaftet, die den Zugang zu manchen ganz spontan sich erschließenden Objekten wieder verstellt. (Bis 13. April; Katalog 25,– Mark.) Hans-Peter Riese

Hamburg: „Bildende Kunst aus Ungarn“

Der Wunsch der ungarischen Kunstexperten ist einstweilen unerfüllbar. Auf der einen Seite erhoffen sie vom Betrachter ein liebevolles Eingehen auf nationale Charakteristika in Malerei und Bildhauerei. Auf der anderen Seite erstreben sie zugleich „die Verbindung mit der Gesamtheit der Kultur Europas“: eine Art Weltkunst also. Das sind zwei Pole, zwischen denen Synthesen sich noch kaum abzeichnen, zwischen beiden findet eher ein Pendelverkehr statt. Im nationalen Bereich tief verwurzelt ist zum Beispiel ein Peter Földi (geboren 1949). Er ist in einem Dorf zur Welt gekommen, dort lebt er, dort unterrichtet er. Seine Motive gewinnt er oft aus Volksmärchen, in denen Tiere symbolischen Charakter haben wie in Fabeln von Äsop, La Fontaine, Krylow. Sie demonstrieren Moralen. Der Stil der reizvollen, farbenstrotzenden Tableaus ist naiv; daß sie, wie im Katalog zu lesen ist, „Ausdruck der heutigen Wirklichkeit“ seien, muß jedoch bezweifelt werden. Das ist viel wahrscheinlicher bei einem Ernö Föth, bei dem das Gegenständliche („Prometheus“) einem kontinuierlichen Auflösungs- und Zerbröckelungsprozeß überantwortet wird. In der Ausstellung dominiert kein Stil, in verschiedensten Stilen wird tapfer gerungen. Neben impressionistischen, expressionistischen, surrealistischen Arbeiten (bei Tamás Galambos) findet man auch Materialbilder: Katalin Särväry bevorzugt Textilien. Hinter Schleiern und Spitzen einmal ein Frauenkopf wie hingetupft. Bei Ifi Benedik: Neue Sachlichkeit. In einer Graphik (Czaba Rékassy) fast der Stil des 16. Jahrhunderts, ein Hauch Schongauer, bei Gäbor Dienes eher ein Hauch Paul Wunderlich ... Stile, Tendenzen, Höhen differieren, die Vielseitigkeit droht in ein Sammelsurium zu münden. Von den 28 ausstellenden Künstlern haben 19 ihre Ausbildung an der Budapester Hochschule für Bildende Künste genossen. Trotz häufiger Blickrichtung nach Westen: ein Touch Häuslichkeit. Sympathisch dabei in der Ausstellung, die über die mittlere Generation gut informiert: der Verzicht auf Großspurigkeit. Der wichtigste ungarische Hafen, sagt ein Bonmot, sei Hamburg. Das betrifft die Wirtschaft. Für die Kunst muß der Hafen noch gefunden werden. (Atelier Mensch bis 8. Mai, Faltblatt 1 Mark) René Drommert

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Die Pferde von San Marco“ (Martin-Gropius-Bau bis 25. 4., Katalog 25 Mark)

Coburg: „Zeichnungen alter Meister aus polnischen Sammlungen“ (Kunstsammlungen Veste Coburg bis 25. 4., Katalog 20 Mark)