Wenn Ronald Reagan auf Reisen geht, wenn er schnellen Schrittes von der Air Force One in eine Limousine oder in einen Hubschrauber umsteigt, um sich dann auf Podien oder Tribünen zu postieren, folgt ihm immer ein Stabsoffizier mit einem dicken schwarzen Aktenkoffer. Er hält respektvoll Abstand zum Präsidenten. Der Offizier ist einer von vieren (jeder repräsentiert eine Waffengattung), die sich stets in der Nähe des Präsidenten aufhalten müssen – Tag und Nacht, wo immer er auch sein mag. Sie arbeiten in Schichten, und sie dürfen nie ihren Aktenkoffer fallen lassen. Daher wird er auch respektlos „das Ei“ genannt.

Es ist eine undankbare, anonyme und langweilige Aufgabe. Die vier Offiziere sind freilich die ersten, die hoffen, daß die Langeweile nie aufhört. Denn spannend wird es erst an der Schwelle zum Dritten Weltkrieg. Andererseits: Gäbe es diese Offiziere nicht, befände sich das schwarze Köfferchen nicht rund um die Uhr in Griffweite des Präsidenten, dann wäre er nicht mehr in der Lage, das Kräftegleichgewicht zwischen Ost und West aufrechtzuerhalten. Ohne Köfferchen würde der Präsident nicht mehr jene amerikanische Macht verkörpern, welche die Feinde der Nation in Schach halten. Und die Welt wäre noch tiefer in Gefahr, als sie es heute schon ist.

Die Offiziere sind die Hüter des amerikanischen Atomarsenals – der ultima ratio Amerikas. In dem Aktenkoffer befinden sich versiegelte Umschläge, die eine Reihe alphabetischer Codes enthalten, sogenannte Auslösebefehle. Etwa ein Dutzend Codewörter – wie zum Beispiel TANGO ECHO BRAVO ROMEO NOVEMBER – vom Präsidenten oder seinem rechtmäßigen Nachfolger von der White House Communications Agency an das Pentagon übermittelt, reicht aus, um einen Teil des amerikanischen Atomarsenals in vorher festgelegte sowjetische Ziele zu lenken. Zur Zeit besitzen die Amerikaner 9480 strategische Sprengköpfe, deren Zerstörungskraft sich zu 3505 Megatonnen summiert. Eine Megatonne entspricht der Explosivgewalt von einer Millionen Tonnen TNT.

In diesem Moment ginge ein verschlüsseltes Alarmsignal per Telephon, UHF-Radio oder Telex an die verbunkerten Titan- und Minuteman-Raketenbasen, die über die Great Plains im Nordwesten der Vereinigten Staaten verstreut sind. Der erste Schritt: In jedem einzelnen Untergrundsilo entschlüsseln die Befehlshaber und ihre Stellvertreter die ankommende Botschaft – jeder für sich um dann sicherzustellen, daß die beiden Versionen übereinstimmen. Dann öffnen beide Offiziere zwei Kombinationsschlösser an einem Safe; keiner kennt die Kombination des anderen Schlosses. Stimmt der versiegelte Code im Tresor (der beweisen soll, daß der Befehl von höchster Stelle kommt, d. Red.) mit dem Code der einlaufenden Botschaft überein, nehmen die beiden Offiziere zwei Zündschlüssel zur Hand und treten an ihre Kommandokonsolen, die etwa vier Meter auseinanderliegen. Der dritte Schritt: Beide Schlüssel müssen im selben Moment, gedreht werden, erst dann feuern die Triebwerke, die eine oder mehrere Raketen und deren Vielfachsprengköpfe in die vorbestimmten Ziele tragen.

Ein ähnliches System von Zwillings-Codes und Zwei-Schlüssel-Prozeduren gilt für die etwa 15 atomaren Raketen-U-Boote, die permanent im 70-Tage-Rhythmus die Meere durchpflügen. Sie sind immer untergetaucht, halten absolute Funkstille und haben Kontakt zur Außenwelt mit Hilfe einer 800 Meter langen Antenne, die sie knapp unter der Wasseroberfläche hinter sich herziehen. Meistens bieten die Nachrichten bloß einfache Routineinstruktionen oder kurze Grüße von den Angehörigen der Besatzung. Irgendwann aber könnte es der Befehl von ganz oben sein ...

Auf den Stützpunkten des Strategie Air Command würde der Alarmbefehl ein ähnliches Krisendrama auslösen: heulende Sirenen, wild blinkende rote Warnlampen, aufdringliche Pieptöne an den Gürteln der Piloten. Innerhalb von Minuten steigen die B-52-Bomber auf – jeder mit vier Wasserstoffbomben im Rumpf. Die Flieger tragen feuerfeste Anzüge und Helme mit goldbeschichtetem Visier. Den Start können sie freilich nur über Fernsehschirm überwachen, denn die Fenster der Cockpits sind von schweren Vorhängen verdunkelt – eine Vorsichtsmaßnahme, um die Piloten vor der Erblindung durch feindliche Atomexplosionen zu schützen. In der Luft muß der Kommandant den Durchführungsbefehl abwarten. Wie seine Kollegen in den Raketensilos und U-Booten muß auch er den Befehl Buchstaben für Buchstaben mit dem versiegelten Zwillings-Code an Bord vergleichen, um so sicherzugehen, daß der Befehl auch echt und rechtmäßig ist.

Falsch ist also die Legende, daß der Präsident oder sonst irgendwer nur auf den berüchtigten „roten Knopf drücken muß, um die Raketen auf ihre mörderische Bahn zu schicken. Der komplizierte Vorgang zur Auslösung eines Atomangriffs ist so angelegt, daß möglichst viele hochrangige Regierungsmitglieder und Militärs an ihm beteiligt sind – um zu verhindern, daß ein einzelner Verrückter, der Präsident eingeschlossen, den Holocaust befiehlt. Als kurz vor Richard Nixons Rücktritt (im August 1974, d. Red.) Zweifel an dessen Zurechnungsfähigkeit aufkamen, erinnerte der damalige Verteidigungsminister James Schlesinger den Vorsitzenden der Stabschefs an eine stillschweigende Regel: Der Angriffsbefehl des Präsidenten muß erst durch zwei weitere Machtträger bestätigt werden – eben durch den Verteidigungsminister und den Obersten Stabschef. Im Falle einer Krise würden sich beide entweder in der Nähe des Präsidenten oder im „Nationalen Militärischen Befehlszentrum“ befinden, wo die Marschorder in jedem Fall einliefe.