Von Hanno Kühnert

Der Wirt Werner Otto Jedamzik vom "Westfälischen Frieden 1648" in Münster war nicht gut beraten, als er seine aufsehenerregende Klage gegen den Freßkritiker Armin Diel erhob: Zu sehr ist dessen doppelt gedruckter Artikel "ein totaler Reinfall" Gegenstand der Pressefreiheit, der berechtigten Schelte, der Wertung, des öffentlichen Interesses am ordentlichen Angebot in jeglichen Wirtshäusern.

Wenn eine Prognose erlaubt ist: Jedamzik wird einen verlustreichen "Karlsruher Frieden" schließen müssen. Diels etwas hochnäsig geschriebener Aufsatz über eine abendliche Tischkatastrophe in Jedamziks Restaurant ("Mondamin läßt grüßen – und Gummimorcheln mit beachtlichen Sandresten") liegt weit innerhalb der Grenzpfähle, die der Bundesgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht für die Pressefreiheit gesteckt haben

Daher ist nicht nur die Klage selbst (möglicherweise wird über sie in erster Instanz am 21. April entschieden), sondern auch der Streitwertantrag (250 000 Mark) schwer verständlich: Diel soll seine Beschreibungen des magenumdrehenden Jedamzikschen Essens nicht wiederholen (Unterlassungsklage): Aber so oft wie nach dieser Klage ist bisher noch keine Restaurant-Schelte multipliziert worden. Jedamzik selbst hat es provoziert.

Der Diktatur jener Wirte und Oberkellner, die mit großartigen Speise-Karten, aufgeblasenem Gehabe und saftigen Preisen ihre Gäste einschüchtern, vor allem in Westdeutschland und Norddeutschland, wo mehr Unsägliches als im Süden auf den Tisch gelangt, muß die freie, überraschende und deutliche Kritik gegenüberstehen; die ungehinderte journalistische Möglichkeit dazu ist bei Essen und Trinken vitales öffentliches Interesse. Daher lesen wir ja auch unsere Küchenpäpste und Freßkritiker so gern.

Für diese Kritik wird von den Gerichten verlangt: Sie muß möglichst neutral sein, sich um Sachlichkeit bemühen, sachkundig sein und darf nicht in Beschimpfungen (des Wirts!) ausarten. Ich finde es auch noch wichtig, daß der Esser und seine Mitesser anonym auftreten – Wolfram Siebeck wird’s mir verzeihen. Dem Kritiker Diel wird nun angehängt, daß er Mitinhaber einer Weinkellerei ist, weiter südlich, und daß er gelegentlich in Münster heimischen Wein verkauft. Doch das zieht nicht. Sein Interesse und seine Fachkunde rühren ja davon her. Ihm Wettbewerbsgelüste nachzusagen, paßt dem Wirt zwar ins Konzept, ist aber ziemlich abwegig, denn Diel hat genug Atzungskolumnen geschrieben.

Zur Sachlichkeit gehört, daß man miserablen Fraß als solchen bezeichnen darf. Das Essen also kann so heftig beschimpft werden, wie es schlecht ist. Der Kolumnist der Süddeutschen Zeitung, Carolus Hecht (ein Pseudonym), hat mal ein Brathähnchen einen "muffelnden, mit Brathaut getarnten Graustinkstoff" genannt. Einer der zur Rede gestellten Köche in München habe "nach fachmännischer Leichenöffnung" befunden: "Naa, des dat i a net eßn!" An die 600 Besucher verlor das Lokal. Der Wirt ging in sich, klagte schließlich nicht, sondern versuchte, seine Küche zu verbessern.