Wenn man sich vorstellt, wie viele grundlegende biologische Einsichten durch das Evolutionskonzept möglich geworden sind, dann vermag man als Biologe kaum zu verstehen, daß auch 100 Jahre nach dem Tode Darwins viele Menschen nicht bereit sind, seine Gedanken und Argumente auch nur ruhig zu prüfen. Das überrascht um so mehr in einer Zeit, in der sich die Naturforschung wieder auf ihre selbstgezogenen Grenzen besinnt und nicht mehr den törichten Anspruch erhebt, etwa eine neue Heilslehre hervorbringen zu können. Am meisten aber befremdet es mich als bewußten Katholiken, daß immer wieder der biblische Schöpfungsbericht als Argument gegen Darwin benutzt wird.

Zu dem, was die christliche Religion groß macht (und mich persönlich um so mehr anzieht, je freier ich darüber nachzudenken vermag), kann die Naturwissenschaft so wenig beitragen wie auch schon zum Verständnis eines Kunstwerkes. Aber daß umgekehrt die biblische Schöpfunsgeschichte unverträglich mit Darwins Evolutionslehre sei, das erscheint mir als trauriges Mißverständnis. Kann man diese ehrwürdigen Texte wirklich lesen, ohne sofort zu spüren, daß sie in Bildern, Gleichnissen und Symbolen ausdrücken, was ja wirklich schwer genug vorstellbar ist?

Wer die Worte dieser metaphorischen Sprache nach ihrer Alltagsbedeutung auffaßt, verfehlt die monumentale Gewalt dessen, was eigentlich ausgedrückt werden sollte. Und tatsächlich empört sich unsere Vernunft ja auch nur gegen das Zerrbild, das bei solcher Unangemessenheit schließlich herauskommt.

Erfolgreiche Wissenschaft ist immer revolutionär und wirkt oft schockierend. Aber steht das einem freien Geist nicht viel besser an als ängstliche Selbstbeschränkung? Darwin hat einen mutigen Anstoß gegeben, der das Welt- und Menschenbild veränderte. Die Bedeutung dieses Anstoßes mag daraus ermessen werden, daß sein Impuls nach wie vor so heftige Reaktionen auslöst.

Prof. Peter Sitte, Universität Freiburg

(Spezialgebiet: Zellbiologie)