Von Ingo Marenbach

Die Frage, warum die nordwestlichen Provinzen Spaniens (die drei baskischen Provinzen sowie Santander, Asturien und Galicien) bei deutschen Urlaubern meist unbekannt sind, läßt sich schnell beantworten. Das oft rauhe atlantische Klima läßt eine verläßliche positive Wettervoraussage nicht zu. Regen und Wind gehören zu dieser Landschaft und sichern ihr auch im Sommer den Namen Costa Verde (Grüne Küste). Dieser Umstand mag die Touristikunternehmen bewogen haben, Spaniens Norden auszusparen, wenngleich für die Spanier aus dem Süden, aus der Meseta und Madrid das frische Klima eine Empfehlung ist. So war der Badeort San Sebastian, an der stürmischen Küste des Golfs von Biscaya gelegen, vor Francos Zeiten sommerlicher Treffpunkt der Diplomaten und des spanischen Königshauses.

Für die „touristische Erschließung“ erschwerend ist ferner, daß an der spanischen Atlantikküste der dritte industrielle Schwerpunkt des Landes (neben Katalonien und Madrid) liegt. Eisen- und Stahlindustrie im Baskenland, vorwiegend zwischen Bilbao und San Sebastian, Stahlindustrie aber auch in Gijon und den Tälern Asturiens, die sich besonders im Ersten Weltkrieg den Ruf des Kohlen- und Stahlreviers Spaniens erworben haben. Eine Folge waren die großen Industriehäfen Bilbao, Santander, Gijon und Avilés, die mit romantischen Fischerhäfen nichts mehr gemein haben.

Und dennoch: Wenn der Besucher Asturiens bereit ist, an Silhouetten vorbeizusehen, die ihn, selten genug, an das Ruhrgebiet erinnern, wird sich ihm eine Welt eröffnen, die an natürlicher Wildheit und Originalität nichts zu wünschen übrig läßt. Kahle Berge, die wenig unter der Dreitausend-Meter-Grenze liegen, fallen jäh in den tosenden Atlantik, rauschende Wildbäche durchschneiden enge Täler, und nur einige Kilometer weiter enden dichte Wälder und weite Weiden direkt an ruhigen Buchten. Eine Welt der Gegensätze. Diese Landschaft ist auch heute noch mit einer vielfältigen Tierwelt gesegnet: mit Bären, Adlern und Wildpferden. Die Flüsse und Bäche werden in ganz Spanien wegen ihres Fischreichtums gerühmt, der Forelle und dem Lachs, und das Meer läßt den Feinschmecker träumen.

Die unwirtlichen Berge des Kantabrischen Gebirges, mit den Picos de Europa (Spitzen Europas) haben Asturien über Jahrhunderte vom übrigen Spanien abgeschirmt. Die zerklüfteten Felsmassen, die heftigen Regenfälle und der erbitterte Widerstand der Bevölkerung hinderten sogar die Mauren an der Invasion des letzten christlichen Königreiches auf der iberischen Halbinsel. Seit Jahrtausenden ist Asturien besiedelt, Altamira mit seinen prähistorischen Malereien in der Nachbarprovinz Santander und viele kleinere Höhlen sind Zeugen einer Geschichte, die sich mit der versuchten Besiedlung durch die Römer und mit der Einwanderung westgotischer Stämme, der Sueben, fortsetzt. In den Schluchten der Picos de Europa, in Covadonga, hat sich der Widerstand gegen eine Jahrhunderte währende maurische Besetzung in Spanien formiert und die „reconquista“ begonnen, die letztlich 800 Jahre dauern sollte.

Dem kunst- und geschichtsbeflissenen Besucher bietet sich eine Fülle historischer Denkmäler, um die Geschichte Asturiens nachzuvollziehen. Neben prähistorischen Höhlenmalereien und den unterirdischen römischen Thermen in Gijon sind es besonders die römischen Brückenbauten, die immer wieder ins Auge fallen. Ihre einfache Symmetrie, wie in Cangas de Onis oder in Laviana, fügt sich anmutig in die wild-romantische Landschaft ein. Der Mensch und die Natur einmal nicht als Gegensatz.

Zu Unrecht von der Kunstgeschichte vernachlässigt sind die von den Goten erbauten Klöster, Kapellen und Versammlungshallen, deren schönste Beispiele auf dem nahe Oviedo befindlichen Berg Naranco zu sehen sind. Der Palast Ramiros I., eines asturischen Königs, und die Kirche San Miguel de Lillo, einige hundert Meter weiter entfernt, sind einzigartige Bauten vorromanischer Architektur aus dem 9. Jahrhundert, die eine verblüffende Liebe zum Detail erkennen lassen.