Die alte Dame ist doch kein Einzelfall. Nur – das ist das Besondere – sie hat sich hingesetzt, ihr Herz ausgeschüttet und – oh, Wunder – damit viele andere Herzen betroffen gemacht. Tausende ähnliche Briefe könnten in Deutschland geschrieben werden, wieviel versteckte, unverdiente Armut gibt es unter jenen; die von „Würde des Alters“ und „add life to years“ nur träumen können.

Die meisten der heute sechzig- bis neunzigjährigen Frauen haben eins bestimmt gelernt: Sparen. Sie waren gezwungen, zuzupacken und die Zähne zusammenzubeißen. Und die klagen halt nicht, sondern beißen weiter zusammen. Es ist die Gruppe unter uns, von der bei Einsparungen der geringste Widerstand und Widerspruch zu erwarten war, und das ist kein Ruhmesblatt, sondern eine Schande.

Frau Jäger schildert die Empfindungen dieser Menschen treffend. Keine Generation trifft dieses ewige Verzichtensollen härter und ungerechter als die der Jahrgänge etwa von 1900 bis 1925, denn sie war immer mehr als fleißig und bescheiden, opferbereit, arbeitsam. Sie zog, sich selbst hintanstellend, die Kinder groß, die heute in guten Positionen die Renten erarbeiten. So lange es eben nur geht, „reißen“ sich diese Frauen „am Riemen“, um beispielsweise nicht das Letzte, ihre gerettete Selbständigkeit und Unabhängigkeit, aufgeben zu müssen.

Meine dreiundachtzigjährige Mutter telephoniert mir Frühjahr für Frühjahr, sie habe gerade wieder das „Gründliche“ geschafft, die Fenster (3. Stock!) geputzt, die Gardinen frisch und duftig neu aufgehängt, und nun sei sie dabei, die Küche zu witschern. Sie lebt seit 12 Jahren „auf dem Rand“ der Beamtenpension ihrer 92jährigen Schwester, die sie betreut.

Mit Mutters Altersvorsorge – zwei Lebensversicherungen und krisenfeste „Papiere“ – haftete mein Vater, als er, fast siebzig, einen für seinen Verband durch mehrere Instanzen geführten Musterprozeß gegen das Finanzamt verlor. Viele Jahre war sie als „mithelfende Ehefrau“ ohne Gehalt Vaters rechte Hand gewesen; als er starb, suchte sie sich mit neunundsechzig ihre „erste“ Arbeit, zu stolz, zum Sozialamt zu gehen.

Ihre beiden Töchter verwitweten im gleichen Jahr, und jede hatte noch drei Kinder großzuziehen. Auch sie waren mitarbeitende Unternehmerfrauen, Stiefkinder der Sozialpolitik mit 70-Stunden-Woche.

Die Crux des Altseins heute ist das Unbeeinflußbare, Nicht-mehr-zu-Berechnende. Eine liebe Freundin lebte friedlich und genügsam nach dem Tod ihres Mannes mit Hund und Hühnern im wohlverdienten Ruhestand, sie sägte und hackte ihr Holz, beschickte die Öfen, nibbelte ihre Wäsche, weil sie keine Waschmaschine wollte, zog eigenes Obst und Gemüse und kam gut mit ihrer bescheidenen Rente aus. Vor kurzem hat man sie aus Häuschen und Garten vertrieben, weil sie eine Luxusbebauung störte.