Die Evolution, darf man heute nicht mehr als Theorie, sondern als Tatsache nehmen. Die Molekularbiologie, die Immunbiologie, aber auch die Verhaltensforschung haben der Evolutionslehre einen besonders soliden Boden verschafft.

Auch die Makroevolution wird uns durch die Forderung von Ernst Mayr, daß „Verhalten der Schrittmacher der Evolution“ sei, leichter verständlich gemacht: Die Entstehung neuer Arten und Großgruppen wird demnach eingeleitet, wenn Tiere einen noch nicht besiedelten ökologischen Großraum durch verändertes Verhalten erobern.

Freilich, für die Pflanzenwelt bleibt das Problem offen, und wir müssen zugestehen, daß die ursächliche Erforschung aller beteiligten Evolutionsfaktoren noch große Schwierigkeiten bereitet, zumal man Evolution als historischen Ablauf niemals wird identisch reproduzieren können.

Was das Nachvollziehen der Evolution mit Hilfe unabhängiger Mutationen und der Selektion so schwierig macht, ist die erforderliche Synorganisation, die so komplexe Systeme wie Atmung, Kreislauf und Verdauung erfordern. Oder nehmen wir als Beispiel den Flugapparat einer Fliege: Eine dem Start und der Landung angepaßte Gangschaltung sowie übergeordnete Kontrollsysteme der optischen und mechanischen Sinne ermöglichen nicht nur die raffiniertesten Flugmanöver, sie geben auch dem Flug insgesamt einen Sicherheitsfaktor, der jenen unserer modernen Düsenflugzeuge um ein Vielfaches übertrifft.

Um solche Apparate auch auf primitivster Stufe funktionsfähig zu machen, ist eine kooperativ wirkende Strukturmutation hohen – Grades nötig (also eine das ganze Organ oder Lebewesen betreffende Veränderung des Erbguts – Red.). Ansonsten bliebe dieses System ein Torso und müßte wegen seiner Unzulänglichkeit durch Selektion ausgeschaltet werden. Wir wissen zwar heute, daß Gene nicht atomistisch, sondern als integrierte Einheiten den Phänotyp (das Erscheinungsbild des Organismus) erstellen; wie weit jedoch solche integrierten Einheiten höchsten Komplexgrades sich durch Zufallsmutationen bilden können, bleibt vorerst eine offene Frage.

Karl von Frisch, mein verehrter Lehrer, meinte kürzlich an seinem 95. Geburtstag: „Ich kann mir nicht vorstellen, daß allein durch zufallsbedingte Mutationen derart hochorganisierte Lebewesen wie eine Biene oder ein Wirbeltier entstanden sein sollen. Wir sollten bescheiden sein und bekennen, daß wir eben vieles nicht wissen und nie verstehen werden.“

Es bleibt das ehrfürchtige Staunen vor dem Logos, der sich hinter diesen Wundern verbirgt.

Prof. Martin Lindauer, Universität Würzburg (Spezialgebiet: Verhaltensphysiologie)