Daß es Leid auf der Welt gibt, ist nicht zu indem; aber es kann der Klägerin nicht verwehrt werden, wenn sie es jedenfalls während des Urlaubs nicht sehen will.“ Dies wir der Kernsatz eines Urteils, mit dem das Landgericht Frankfurt vor zwei Jahren einer älteren Dime zur Rückerstattung der Hälfte der Kosten eines in Griechenland verbrachten Urlaubs verhalf, weil sie das Hotel mit einer Gruppe von 25 angeblich geistig und körperlich schwerbehinderten Schweden hatte teilen müssen.

Die deutsche Gerichtsentscheidung wirkte fort bis ins „Jahr der Behinderten“ – 1981; wir wissen ja mit Präjudizien etwas anzufangen: Ein 15jähriger querschnittgelähmter schwedischer Junge durfte sein langjähriges Feriendomizil in Griechenland nicht mehr buchen, weil westdeutsche Touristen von der Hotelleitung verlangt hatten, keine Behinderten mehr aufzunehmen. Inzwischen ist auch bekanntgeworden, daß die 25 Schweden, die der Dame aus Frankfurt zu einem – nachträglich – verbilligten Urlaub verhalfen, durchaus nicht geistig, sondern nur körperlich behindert sind; einige von ihnen waren Hochschulabsolventen.

Aber der Satz, niemand müsse sich, jedenfalls im Urlaub, dem Leid dieser Welt aussetzen, sollte wohl für körperliche Gebresten gleichermaßen wie für geistige gelten. Wer im Urlaub Erholung sucht, darf sie in einer heilen Welt finden – unbeeindruckt von der Tatsache, daß zehn Prozent der eigenen Bevölkerung unter Behinderungen leiden, Kriegsversehrte eingeschlossen.

Jüngst aber ist das Landgericht in Mannheim dem Versuch der katholischen Kirche, sich von lästiger Behinderung zu befreien, tapfer entgegengetreten: Das Kind Maria Rosaria der italienischen Eltern Virginia und Mario Peronne war 1979 in den kirchlichen „Rheingold“-Kindergarten zu Mannheim aufgenommen worden. Das Kind leidet an Epilepsie mit seltenen und kurz dauernden Anfällen von Bewußtlosigkeit. Es ist umstritten, ob Maria Rosaria in den zwei Jahren ihres Kindergartenaufenthaltes vier oder acht solcher Anfälle erlitten hat: Sie dauerten jeweils etwa 40 Sekunden lang; danach kam das Mädchen wieder zu Bewußtsein und verhielt sich völlig normal. Maria Rosaria ist geistig gesund. Als die katholische Kirchengemeinde sie in den Kindergarten aufnahm, war ihr die Behinderung bekannt.

Dennoch schrieb der Gemeindepfarrer den Eltern nach zwei Jahren die Kündigung: „Das Kindergartenjahr geht am 13. 7. 1981 zu Ende. Damit endet auch der Besuch Ihres Kindes Maria Rosalia in unserem Rheingold-Kindergarten. Eine Neuaufnahme in unseren beiden Kindergärten wird nicht erfolgen.“

Schon vor der Kündigung hatten Pfarrer und Gemeindeschwestern die Eltern bedrängt, das Kind aus dem katholischen Kindergarten herauszunehmen und es in den Morchhofkindergarten zu schicken. Dort sind geistig behinderte Kinder untergebracht. Die Eltern wollten nicht, denn: Maria Rosaria ist eben nicht geistig behindert. So kam es zum Prozeß, in dem die katholische Kirche zur Rechtfertigung ihrer Kündigung unter anderem vortragen ließ: Die acht Anfälle, die das Kind seit August 1979 gehabt habe, hätten zu erheblichen Störungen innerhalb des Heims geführt. Eine Erzieherin – von insgesamt zwei – habe sich während der Dauer der Anfälle nur mit Maria Rosaria beschäftigen müssen und sich nicht um die anderen Kinder kümmern können, die „durch das Miterleben der Anfälle sehr verstört worden seien und danach teilweise in Einzelgesprächen hätten beruhigt werden müssen“.

Das Landgericht Mannheim rechnete nach: Bei acht Anfällen von je 40 Sekunden wären es etwa fünf Minuten Bewußtlosigkeit in zwei Jahren gewesen. Die Eltern holten das Kind nach einem Anfall jeweils sofort ab und brachten es nach Hause. Also, meinten die Richter, könne die jeweils zuständige Erzieherin doch nur kurzfristig beansprucht, die Funktionsfähigkeit des Kindergartens im ganzen durch die Anfälle kaum beeinträchtigt worden sein: „Beim Spielen oder bei handwerklichen Betätigungen kommt es immer wieder vor, daß sich auch ein nichtbehindertes Kind verletzt, das dann schnell versorgt werden muß.“