Was ist unter „Darwins Evolutionstheorie“ zu verstehen? Evolutionstheorien wurden, zunehmend seit Ende des 18. Jahrhunderts, diskutiert. Darwins Konzeption basiert auf umfassenden Studien während dreier Jahrzehnte auf vielen Gebieten (Geologie, Paläontologie, Geographie, Systematik, Morphologie und Biologie der Pflanzen und Tiere); sie wurde in dem Buch von 1859 („Die Entstehung der Arten“, Red.) zusammengefaßt und enthält ein ganzes Paket von Theorien, die durch den Evolutionsbegriff verbunden sind. Die breite Basis gewährleistet den Erfolg, denn der Evolutionsprozeß ist nicht von einer Disziplin her und nicht mit einer Methode zu deuten. Die Theorie ist eine Synthese aus vielen, sich gegenseitig fördernden und ergänzenden Wissenschaften.

Die wichtigsten Glieder dieses Komplexes sind:

1. Die zahllosen neuen Daten aus vielen Gebieten bilden eine imposante Stütze der Theorie, die behauptet, die heute lebenden Organismen seien das Resultat einer sukzessiven Abstammungsfolge.

2. Evolution ist ein dualer Prozeß, der die Entstehung erblicher Ungleichheit (genetische Variation) voraussetzt. Die Zahl der Nachkommen ist stets größer als die der Individuen der Ausgangspopulation. Die für die gegebene Umwelt geeigneteren Varianten setzen sich durch. Die Chancen, einen größeren Beitrag zur Folgegeneration zu liefern, sind für die weniger begünstigten Varianten geringer (Selektions-Prinzip). Darwin entwickelte also eine Theorie über Mechanismen und Faktoren des Evolutionsprozesses.

Wissenschaftliche Theorien sind meist nicht das Resultat eines linearen Vorgangs, sondern erwachsen aus einem komplexen Netzwerk vorausgehender Hypothesen. Die Zahl der Vorläufer Darwins, die der Konzeption des Evolutionsgedankens sehr nahe kamen, ist kaum übersehbar. Erinnert sei aber daran, daß gleichzeitig mit Darwin und unabhängig von ihm Alfred Rüssel Wallace eine auf dem Selektionsprinzip beruhende Evolutionstheorie entwickelt hat. Auch nach Darwin sind von vielen Teilgebieten her Impulse entwickelt worden (biologischer Artbegriff, Genetik, Populationsgenetik, Analyse neuer Fossilfunde usw.), die mit großer Wahrscheinlichkeit zwangsläufig zur Etablierung der Evolutionstheorie geführt hätten.

Diese Entwicklung hat sehr viel Neues zur Evolutionslehre beigetragen und manche Ansicht Darwins modifiziert. Wesentlich ist, daß das Grundprinzip immer wieder bestätigt wurde. Gäbe es „Darwins Evolutionslehre“ nicht, so wäre in den vergangenen 100 Jahren, vielleicht mit Verzögerungen und auf Umwegen, eine Theorie entwickelt worden, die der von Darwin geglichen hätte wie ein Ei dem anderen.

Gäbe es heute überhaupt keine Evolutionstheorie, dann wäre dies eine Utopie, die voraussetzte, daß die ganze Geistesgeschicnte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert anders verlaufen wäre als es tatsächlich der Fall war. Es würde dann eine Situation vorliegen, deren Schilderung ich nur einem Science-fiction-Autor überlassen könnte.