Von Tom Appleton

Wellington (Neuseelands

Spekulationen haben sich seit je um Goethes Privat-, genauer: Intimleben gerankt. Gerade Goethe, dessen Leben doch, wie man meinen möchte, bis auf jeden einzelnen Tag dokumentiert ist, hat die Neugier der Nachwelt immer wieder angeregt, weil „gesunder Menschenverstand“ es einfach nicht glauben will, daß bei all den Goetheschen Liebschaften nicht hier und da der eine oder andere verheimlichte Nachkomme entstanden sein sollte.

Ausgerechnet im fernen Neuseeland finden sich nun, in Goethes 150. Todesjahr, Hinweise darauf, daß Goethe womöglich einen Sohn namens Antonius hatte – und zwar mit seiner damals schon anderweitig verheirateten Jugendfreundin Lili Schönemann. Einen klaren Beweis gibt es hierfür nicht, aber was an bruchstückhafter Information darüber existiert, läßt sich auch nicht als pure Spekulation vom Tisch wischen.

Zunächst muß man wissen, daß „Goethe“ ja ein Kunstname ist, den sich Goethes Großvater, der in Wirklichkeit Vogelhuber hieß, in Frankreich des schönen Klanges wegen selber bastelte. Er nannte sich fortan de Goethe, mit Akzent auf dem Schluß-e. Wenn jemand Goethe oder sogar von Goethe heißt, besteht also hohe Wahrscheinlichkeit, daß er von „dem“ Goethe abstammen könnte. Heißt einer noch dazu Johann Franz Wolfgang von Goethe, wird die Wahrscheinlichkeit fast schon zur Gewißheit.

Freilich, so klar und eindeutig liegen die Dinge nicht mit jenem John Francis Gotty, der seinen Namen in Neuseeland anglifizierte und sich bei den neuseeländischen Eingeborenen, den Maoris, ansiedelte und unter ihnen fortpflanzte.

Klammert man sich an die reinen Fakten, so erfährt man aus der Todesurkunde folgendes: John Gotty, vormals von Goethe, Farmer, gestorben im Alter von 84 Jahren am 30. April 1893, an Altersschwäche. Als Geburtsort wird „Germany“ angegeben. Der Vater sei Antonia (!) von Goethe, ein preußischer Kavallerieoffizier, die Mutter Emma von Goethe gewesen.