Von Rudolf Walter Leonhardt

Das Thema schwelt seit langem, und die Frage wurde virulent, als der Hessische Staatsgerichtshof in seinem Urteil vom 30. Dezember 1981 die reformierten Gymnasien rügte, sie vermittelten keine „Allgemeinbildung“ mehr. Was „Allgemeinbildung“ eigentlich sei, wie man sie erwirbt und wem sie nützt, das sagten die hessischen Juristen nicht. So haben sie eher neue Verwirrung gestiftet als Lösungen gefunden – wobei doch das Finden von Lösungen manchen, die an hergebrachten Bestimmungsversuchen irre geworden sind, als wichtiger Ausweis der „Allgemeinbildung“ gilt.

„Allgemeinbildung“ ist eine jener Deutschvokabeln, die in andere Sprachen schwer übersetzbar sind, wie „Weltanschauung“ und „Blitz(krieg)“. Im Französischen könnte man wohl „culture generale“ sagen (aber man sagt es eigentlich nicht). Im Englischen fielen mir „general education“ und „general knowledge“ ein; das eine bezeichnet eher einen Prozeß als ein Ergebnis, wohingegen das andere wieder jenes Wissen in den Vordergrund rückt, von dem die Bildungspolitiker eigentlich gern weg wollen.

Unter den vielen, die ich fragte, vertrat Peter Wapnewski, Rektor des Berliner Wissenschaftskollegs, die Ansicht, „Allgemeinbildung“ sei ein tautologischer Begriff, jede Bildung sei im Grunde „Allgemeinbildung“. Aber damit wären die hessischen Juristen wohl kaum einverstanden; denn sie konnten und wollten ja nicht leugnen, daß die Gymnasien dort zum Beispiel „politische Bildung“ vermittelt haben.

Und natürlich wird die Frage nach Inhalt und Sinn der „Allgemeinbildung“ nicht einfacher zu beantworten, wenn man das „allgemein“ streicht. Was wäre dann „Bildung“? Auch Lagardes Diktum, Bildung sei „die Fähigkeit, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden und jenes ernst zu nehmen“, verschiebt die Frage doch eher, als daß es sie beantwortet. Was denn ist jedermann „wesentlich“?

Die hessischen Richter meinten, für jene „Reife“, wie wir sie noch immer durch die Abiturprüfung gern nachgewiesen fänden, seien „wesentlich“ vor allem Deutsch und Geschichte. Zwei so eminent national ausgerichtete Fächer im Zeitalter der Überwindung des Nationalismus? Da scheint mir die sehr viel ältere These Wilhelm von Humboldts leichter zu vertreten. Er, von dem sich die meisten der deutschen Bildungsvorstellungen herleiten, meinte im Alter, Abschied nehmend von der umfassenden „Allgemein“-Bildung, unentbehrlich seien schließlich nur die klassischen Sprachen und die Mathematik.

Humboldt hatte damit genau die Wurzeln der beiden Bildungsbegriffe getroffen, auf die sich auch heute noch beinahe jede Vorstellung von „Allgemeinbildung“ zurückführen läßt: die geisteswissenschaftliche und die naturwissenschaftliche. Noch ist der Vorherrschaftsanspruch der Geisteswissenschaften nicht gebrochen. Wer fließend französisch parliert, Hegel zitiert, Gedichte von Goethe kennt und Lieder von Schubert, der darf sich für gebildet halten auch dann, wenn er keine Ahnung davon hat, wie Kernkraftwerke und Düsenjets funktionieren.