In unseren besten Jahren demokratischer Öffnung (bevor Terrorimus und Benzinpreise uns einschüchterten) fehlte stets eins: Phantasie für andere, fremde Formen des Lebens, des Denkens. Wir waren tolerant geworden – aber nicht wie der griechische Bauer, der die verschrobenen Gewohnheiten des Fremden zuerst freundlich auslacht, dann akzeptiert. Sondern wir duldeten das Fremde steif und pflichtbewußt, wie man auf dem Rücksitz eines Volkswagens einem Dritten Platz macht, sich zusammenkrampft, um dessen Schultern und Knie nicht zu berühren. So duldeten wir auch die eigene dritte Generation um 1970, als ob es schon eine zuviel wäre. Wird der Platz jetzt tatsächlich enger – was geschieht dann mit der deutschen Toleranz? Umfragen deuten das Ende der Assimilations-, nein, Duldungsfähigkeit an. Verzagen, Trübsinn sind unterdrückte Aggressionen gegen uns selbst, sie könnten offene Aggressionen gegen andere, gegen Türken, Pazifisten, Zwanzigjährige werden.

Ivan Nagel im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10. April in einer Umfrage zum „Prinzip Zuversicht“

Ich gebe zu, daß es für mich ein großer Moment ist, wenn der Emigrant, Jude und ehemalige Offizier der russischen Armee, der Regisseur Konrad Wolf, begraben wird von dem Staatschef Honecker, der zehn Jahre im Zuchthaus Brandenburg gesessen hat, weil er Leute wie Carstens bekämpft hat. Über vieles in der DDR muß man reden, vieles stimmt nicht vorne und nicht hinten, aber ein solches Begräbnis wird es hier nicht geben, hier wird höchstenfalls Herr Carstens Herrn Rühmann beerdigen.

Thomas Brasch in einem Interview mit der „tageszeitung“ vom 8. April

Toni Stadler

Toni Stadler hat in der Öffentlichkeit nie die Resonanz gefunden, auf die sein Werk Anspruch gehabt hätte. Er hat sie wohl auch nicht gesucht, er hat sich ziemlich erfolgreich aus dem Betrieb, seinen Spielregeln, seinen Zwängen herausgehalten. Ein Bildhauer, der nichts Sensationelles, keine Innovationen, keine Aktualitäten zu bieten hatte, der vor radikalen Lösungen, die er bei anderen, bei Moore oder Marini, auch bei Lehmbruck zu schätzen wußte, zurückscheute und aus dieser Scheu einen Stil machte. Toni Stadler hat es auf eine sehr merkwürdige Weise verstanden, seinen Figuren das eigene Zögern, die Nachdenklichkeit mitzuteilen. Sie zeigen, in der ungeglätteten, aufgerauhten Oberfläche, die Spuren ihrer mühsamen Entstehung. Das allzu Glatte und Gerundete, jede Art von Perfektionismus war ihm verdächtig. Daraus erklärt sich wohl auch seine Vorliebe für den Torso als Metapher des Unvollendeten. Und selbst die zu Ende gebrachte, die vollständige Figur, jene Kniende „Eos“ etwa, die auf der zweiten documenta zu sehen war, befindet sich im Zustand des Vorläufigen, als ob sie sich nicht entschließen könnte, endgültig dazusein. Stadlers Leitbilder waren Adolf von Hildebrand und Hans von Marées, bei ihnen fand er die gelassene, in sich gekehrte, mit sich selbst beschäftigte Figuration, die seiner Vorstellung entsprach. Seine eigentliche künstlerische Ausbildung hat sich über zwanzig Jahre hingezogen. Sie hat bei August Gaul in Berlin angefangen, ging in München bei Herrmann Hahn weiter, wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen und danach an der Münchner Akademie fortgesetzt. Die nächste Station war Paris, wo er bei Maillol studierte. Erst 1928, Stadler war vierzig Jahre alt, gingen die Lehrjahre zu Ende. Später hat er dann selber eine Professur übernommen, erst an der Frankfurter Städelschule, nach dem Zweiten Weltkrieg an der Akademie in München. In seiner Heimatstadt München ist er, 93 Jahre alt, gestorben.

Ganz aus Holz, handbehauen

„Wenn Sie Ihr Blockhaus endlich fertig haben, können Sie sich auf Ihre Veranda setzen, zurücklehnen und die Umgebung betrachten ... Ein tief befriedigendes – Gefühl der Vollkommenheit und Sicherheit ergreift Sie, ein Gefühl der Verbundenheit mit Ihren Ahnen.“ Es ist gar nicht so einfach, der Versuchung zu widerstehen, noch viel mehr Zitate aus den drei bilderreichen Büchern zu pflücken, die der im Umgang mit Sprache und Architektur gleichermaßen naive Volksverlag in 8531 Linden nach und nach herausgebracht hat, eine Trilogie alternativen Häuserbauens, das im dicht besiedelten Europa freilich kaum wirklich die Alternative erleichtert, dafür um so mehr den Traum vom verlorenen besseren Leben in Holz: „Ganz aus Holz – Leben in Blockhäusern“ hieß das erste, „Handbehauen – Die Kunst des Selbstbauens von Blockhäusern“ das zweite; das jüngste will nun das praktischste sein, das „Handbuch für den Selbstbau von Blockhäusern“, ein „100% umweltfreundliches Baubuch“. Es will helfen, „dem Drang zum einfachen Landleben früherer Generationen“ nachzugeben und das Interesse am Handwerk wieder zu beleben. Wer nach der Lektüre der Instruktionen oder erst nach den ersten handgreiflichen Versuchen mit Axt, Stoßeisen, Hartnolzschlegel und Kanthaken, mit Säge, Senkblei, Hacke und Hobel an seinen Kräften zweifelt, kann sich aus Amerika auch einen Bausatz kommen lassen oder ein Fertigblockhaus, oder er muß sich mit dem begnügen, was ihm auch ein Kamin im Betonhaus in der tobenden Stadt zu bieten hätte: „Ein Holzfeuer gibt dem Besitzer ein Gefühl von Stolz, Sicherheit und Wohlbehagen, besonders, wenn er fünf oder sechs Klafter gut gehacktes Holz im Schuppen liegen hat.“