Von Fritz J. Raddatz

Ein winziges Detail des Sterbens scheint auf wie ein Symbol für das Leben dieses Mannes: Daß die DDR-Behörden Menschlichkeit zeigten und seinen engsten Freund und ehrlichsten Schüler Wolf Biermann ans Sterbebett ließen, letzte Begegnung zweier Verfemter, will wie das Aufglänzen jener Hoffnung anmuten, die Robert Havemann nie aufgeben mochte – eine Veränderung zum humanum sei doch möglich. Eine Abschiedsgeste, wie die Summe des Lebensgesetzes dieses moralistischen Physikers: Energie geht nicht verloren.

Wohl selten hat ein Buch im Nachkriegsdeutschland so viel Disput, Attacke und Akklamation ausgelöst wie das schmale Bändchen "Dialektik ohne Dogma" Robert Havemanns. Seit Erscheinen des Taschenbuches 1964 fand sich der Name Havemann immer wieder in den Schlagzeilen der deutschen und internationalen Presse. Havemann war die Schlüsselfigur einer umfassenden ideologisch-politischen Auseinandersetzung.

Der 1910 in München geborene Lehrerssohn studierte von 1929 bis 1933 Chemie an den Universitäten München und Berlin. 1932, noch vor Abschluß des Studiums, wurde er Mitarbeiter des renommierten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin und erhielt für besondere Leistungen ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 1935 promovierte er in physikalischer Chemie, wurde bis 1943 Assistent am Pharmakologischen. Institut der Universität Berlin, wo er sich 1943 auch habilitierte.

Seit 1932 schon Mitglied der KPD, arbeitete er von Beginn der Hitlerzeit an im illegalen Widerstand, begründete die Widerstandsgruppe "Europäische Union" und arbeitete besonders eng mit französischen und sowjetischen Zwangsarbeitern zusammen. Am 16. Dezember 1943 wurde Havemann wegen illegaler Tätigkeit vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt; die Vollstreckung wurde aber 1944 und 1945 zweimal verschoben, weil er im Zuchthaus Brandenburg an kriegswichtigen Forschungsaufgaben im Auftrage des Heereswaffenamtes arbeitete. Im April 1945 wurde er durch die Rote Armee befreit, trat der KPD (später der SED) bei, wurde noch im selben Jahr Mitbegründer des Kulturbundes in der sowjetisch besetzten Zone. Er wohnte in West-Berlin, wo er Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts war.

Im Januar 1948 berief ihn eine Verfügung der amerikanischen Militärregierung, gegen deren Atomwaffenpolitik er damals schon protestierte, ab. Er blieb aber bis 1950 Abteilungsleiter für Physik und Elektrochemie des West-Berliner Instituts, hatte zugleich eine Professur für physikalische Chemie an der Ost-Berliner Humboldt-Universität inne und wurde am 27. Februar 1950 durch eine Verfügung des West-Berliner Magistrats aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut entlassen, weil er in Ost-Berlin Mitglied der Volkskammer war. In der DDR nahm Havemann schließlich seinen Sitz in den verschiedensten wissenschaftlichen und politischen Gremien ein, erhielt prominente Staatspreise und wurde Mitglied der noch heute in Ost und West hochangesehenen Akademie der Wissenschaften.

Die kritische Aufmerksamkeit der SED-Führung erregte er erstmals mit einem Vortrag über das Thema "Hat Philosophie den modernen Naturwissenschaften bei der Lösung ihrer Probleme geholfen?", den er auf einer Leipziger Tagung im September 1962 gehalten hatte. Der Hallenser Parteihüter Horst Sindermann fürchtete schon zu dieser frühen Stunde – in Prag und Warschau wurden bereits liberale theoretische und literarische Diskussionen geführt – Havemanns "freiheitlichen Sozialismus" und warnte, der Genosse Professor wolle "den Dialektischen Materialismus über Bord werfen".