Die Evolutionstheorie wird älter, aber auch besser. Neue Korrekturen am Bild des Lebens

Von Günter Haaf

Das Thema mag unwichtig erscheinen", schrieb Charles Darwin im Vorwort zu seinem letzten Buch, "aber wir werden sehen, daß es nicht ganz uninteressant ist; und die Maxime de minimis lex non curat (das Gesetz befaßt sich nicht mit Kleinigkeiten) gilt nicht für die Wissenschaft."

Der große Biologe, dessen Todestag sich am Montag dieser Woche zum 100. Male jährte, hatte in der Tat ein für Laien äußerst unattraktives Thema aufgegriffen: "Die Bildung von Humusboden durch die Tätigkeit von Regenwürmern." Darwins Spätwerk, ein Jahr vor seinem Tod erschienen, galt weithin als Kuriosität.

Doch das Ergebnis vier Jahrzehnte währender sorgsamer Beobachtungen ist viel mehr als das blasse Produkt eines altersschwach gewordenen geistigen Giganten, schreibt der Evolutionsbiologe, Wissenschaftshistoriker und Harvard-Professor Stephen Jay Gould in der jüngsten Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift Natural History, "Wie kommt es", fragt er sich, "daß Darwin immer noch eine so zentrale Figur im wissenschaftlichen Denken ist?" Die Antwort gibt Gould schon im Titel seiner Kolumne: "Darwin benutzte den niederen Wurm, um hohe Prinzipien wissenschaftlicher Beweisführung zu enthüllen."

Die "Wichtigkeit der kleinen Dinge", um die sich Darwin zeitlebens so ausgiebig gekümmert hatte, wurde schon immer von seiner Evolutionstheorie und dem von ihm erstmals genannten evolutionären Mechanismus "natürliche Auslese" in den Schatten gestellt. Aber gerade in den minuziösenBeschreibungen der Regenwürmer lag, Gould zufolge, "seine größte Leistung": Er zeigte damit brauchbare Grundsätze für Wissenschaften auf, die sich – wie im Fall der Evolutionstheorie – mit historischen, nicht im Labor nachvollziehbaren Entwicklungen beschäftigen. Denn aus dem gegenwärtigen Zustand der Natur kann auf wissenschaftliche Weise auf die Vergangenheit geschlossen werden. Große Zeiträume und "kleine Variationen sind der Stoff, aus dem die Evolution ist", argumentiert Gould.

Die Hochachtung des Harvard-Professors für Darwin, zu dessen Nachfolger Gould kürzlich in einer Newsweek-Titelgeschichte stilisiert wurde, hält ihn freilich nicht davon ab, selbst kräftig an den Details der Evolutionstheorie zu feilen. Zusammen mit dem Paläontologen Niles Eldredge vom American Museum of Natural History in New York postulierte Gould vor zehn Jahren eine neue Theorie über den Ablauf der biologischen Evolution. Zunächst hatte das Gedankenmodell mit dem unanschaulichen Titel punctuated equilibrium (etwa: "unterbrochenes Gleichgewicht") keine große Beachtung gefunden. Doch in den letzten beiden Jahren trug es ganz wesentlich mit dazu bei, daß "die Evolution aus einem langen Schlaf erwachte", wie Eldredge sich ausdrückt: Nicht nur die Fachwelt wurde aufgeschreckt, sondern auch Darwin-Nörgler und sogar die an eine wortwörtliche Auslegung der biblischen Schöpfungsgeschichte glaubenden Kreationisten (siehe ZEIT-Dossier Nr. 2/1982).