Adolf Muschg, dieser gelehrte und so gelassen wirkende Schweizer Schriftsteller, hat eben sicheren Sinn für Vergeblichkeit, also für Liebesgeschichten. Ich wüßte keinen anderen deutschsprachigen Autor seiner Generation, der ähnlich befugt wäre, einen Erzähl-Band einfach und kühn "Liebesgeschichten" zu betiteln (wie Muschg das 1972 tat). Auch die 1979 erstmals erschienene Erzählung "Noch ein Wunsch" ist eine Liebesgeschichte, wie nur Muschg sie schreiben konnte, also eine, die schon zu Ende ist, wenn sie beginnen soll – und eben deswegen nicht beendet, sondern trotzig begonnen wird.

"Noch ein Wunsch": Diese Redensart klingt in Muschgs Heimat eher aggressiv; sie legt gerade nahe, keinen Wunsch mehr zu hegen oder gar zu äußern. Doch der in die Liebe – also in die Vergeblichkeit – verliebte Mittvierziger Martin in Muschgs Erzählung, dieser studierte und etablierte Familienvater in seiner Lederjacke, die ihn verjüngen soll, besteht noch auf einem Wunsch: Er möchte der immer und allseits geforderten Reife, zu der er es gebracht hat, die ihn aber auch gründlich krank macht (" Grundleiden" heißt sein Arzt das), wieder entkommen, er möchte zu Anne, dem Mädchen aus jener "Szene", die sich alternativ nennt und die dann doch nur einen anderen Jargon hat. Für den Flüchtling Martin wäre freilich jede Szene alternativlos, würde jede Szene zu einer, die zwischen Tribunal und Tragikomödie keine Unterschiede kennt. Martin, das ist einer, der zuviel erwartet von den Frauen, mehr als vom lieben Gott. "Alles, was mir fehlt, treibe ich bei ihnen ein", meint er einmal. In Wahrheit treibt er nur einem Abgrund zu – und das nicht nur im übertragenen Sinne, ist doch das Vehikel, das ihn auf vereisten Straßen zu Anne in den Jura bringen soll, absolut fahruntüchtig und eigentlich nur bergab in Bewegung zu bringen.

Wenn Martin dann endlich doch noch bei Anne angekommen ist und entdeckt hat, was er ja schon vorher wußte, daß nämlich das Objekt seiner Begierde wieder nur einer Projektion entsprang und dazuhin nichts mit ihm im Sinne hat, dann muß Anne, dieser schöne Bastard eines Wunsches, auch noch Martins Wagen anschieben, damit der doch nur von sich selbst Geprellte wieder wegkommt von ihr. Wohin? Dahin, wo das Verlangen nur noch eines nach Auslöschung, nach Suizid, nach einem Grab für alle Wünsche ist.

Wenn man später einmal nach den Liebesgefühlen unserer siebziger Jahre fragen wird, gibt es wenige Bücher, die so lakonisch und zugleich so sensibel poetisch darüber Auskunft geben können wie diese Erzählung, die auch innerhalb des bisherigen Werkes von Muschg in ihrer Verletzlichkeit und Untröstlichkeit einen ganz besonderen Stellenwert einnimmt.

Noch ein Wunsch? Ja. Daß man diese Erzählung auch in die Lehrpläne unserer Schulen aufnehmen möge.

Adolf Muschg: "Noch ein Wunsch"; st 735, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1981; 142 S., 7,– DM

Peter Hamm