Von Wilfried Kratz

Für viele Briten, die den Common market schnell mit teurer Butter und überhöhtem Mitgliedsbeitrag abtun, hat sich die Europäische Gemeinschaft (EG) in der Falkland-Krise zum erstenmal von einer angenehmen Seite gezeigt. Sie wurden überrascht von der Geschwindigkeit, mit der sich die neun Partner nicht nur in Worten, sondern auch in Taten mit Großbritannien solidarisierten.

Ein neues Element wurde im Verhältnis zwischen der Insel und der EG wirksam. Seine Bedeutung wird wahrscheinlich mehr in einer langfristigen Klimaverbesserung liegen als in der unmittelbaren Wirkung auf das Gerangel um Agrarpreise und Budgetbeitrag.

Die Verurteilung der argentinischen Invasion hatte London von den Neun erwartet – mehr eigentlich nicht. Der nächste Schritt war schon von einer anderen Qualität. Denn Handelssanktionen berühren wirtschaftliche Interessen, bedeuten Opfer. Großbritannien ist normalerweise selbst zurückhaltend, solche Maßnahmen zu ergreifen oder sich ihnen anzuschließen. Um so mehr erstaunte es in London – und wahrscheinlich nicht nur hier wie rasch die anderen EG-Länder ebenfalls ihre Grenzen gegenüber argentinischen Einfuhren schlossen. Die britischen Zeitungen sprachen denn auch von einem diplomatischen Coup und einem großen Erfolg.

Es hat lange gedauert, bis Großbritannien den Weg in die Europäische Gemeinschaft fand. Das Land blieb 1951 der Montanunion fern. Dann versuchte es, den Gemeinsamen Markt der Sechs zu sabotieren. Schließlich unternahm es aber doch drei Anläufe, um Mitglied zu werden. Als es soweit war, feierten die Briten den von Edward Heath betriebenen Beitritt am 1. Januar 1973 mit recht verhaltenem Enthusiasmus. Als Nachzügler mußte Großbritannien überdies feststellen, daß Satzung und Gepflogenheiten des Vereins nicht unbedingt auf seine Interessen zugeschnitten waren. Die Labourregierung Wilson öffnete die Beitrittsakte wieder, führte "Neuverhandlungen" und ließ über die Mitgliedschaft in einem Referendum abstimmen.

Die Briten entschieden sich zwar für das Verbleiben in der Gemeinschaft, aber sie machten damit nur gelangweilt ihren unwilligen Frieden mit ihr. Sie weigern sich, im Gemeinsamen Markt mehr zu sehen als eine Zollunion. Die konservative Regierung Thatcher ist an der politischen Zusammenarbeit mit den EG-Partnern zwar interessiert, aber wirklich öffentliche Aufmerksamkeit fanden erst die "Neuverhandlungen" über den EG-Haushalt, in dem die Briten ein Sinnbild ihrer unfairen Behandlung sehen.

Die Falkland-Krise hat die Sicht geändert. Der Streit über den britischen Finanzbeitrag wurde unterbrochen. Die Gemeinschaft gab dem Konflikt im Südatlantik Vorrang. Ihre Solidarität beeindruckte auch im Lager der EG-Gegner. Diese Erfahrung wird hoffentlich fortwirken, wenn die Falkland-Krise einmal kein? Krise mehr sein wird. Bei aller Anerkennung der Vermittlungsdienste von US-Außenminister Alexander Haie wird in Großbritannien aufmerksam die neutrale Haltung von Ronald Reagan "zwischen zwei Freunden" mit der aktiven Unterstützung der Gemeinschaft verglichen. Manche halten letzteres für wichtigen Sie sehen in der Falkland-Krise sogar einen Wendepunkt im Verhältnis Großbritanniens zu Amerika einerseits und Europa andererseits.