Im ersten Raum, er ist ziemlich dunkel, hängen ein paar Kleiderfetzen, eine Beinprothese aus bemaltem Blech, ein zerhandelte Hut, ein räudiger Pelz, eine mißhandelte Puppe und noch ein paar andere, ausgediente Stücke an Drähten von einer Art eingezogener Decke herunter. Wenn man auf einen Knopf an der Wand drückt, erwacht der Sperrmüll zum Leben, tanzen die epileptischen Reste einen grotesken Reigen: Jean Tinguelys "Ballet des pauvres" (1961). Es ist der Auftakt einer Ausstellung, die sich auf die Suche nach der Kunst der letzten zwanzig Jahre begibt und ein Anfang mit vielen Enden.

Gerade mit diesem Stück und durch die Photos an der Wand (die Tinguely, Niki de St. Phalle und Per-Olof Ultvedt mit der gemeinsamen begehbaren Skulptur HON 1966 in Stockholm zeigen und später dann, 1970, die Aktion "La Vittoria", die heitere Selbstvernichtung des "Nouveau Réalisme") wird die ganze Euphorie der sechziger Jahre noch einmal in einem wichtigen Zitat spürbar. Gerade dieses Stück hat freilich auch eine andere, eine unbeabsichtigt heikle Kehrseite. Wird es gelingen, so fragt man sich angesichts des animierten Trödels, die alten Puppen wieder zum Tanzen zu bringen? Was wird von dieser Zeit, die Edy de Wilde, der veranstaltende Museumsdirektor, im Katalog "eine der lebendigsten Perioden in der Kunst des 20. Jahrhunderts" nennt, wieder lebendig werden und übrigbleiben im Zusammenhang einer Ausstellung, die sich doch schon als ein erstes, Geschichte konstituierendes Sieb versteht?

Das Stedelijk Museum in Amsterdam ist seit den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren, in denen der damalige Direktor Willem Sandberg das Haus durch den Geniestreich seines großen Malewitsch-Einkaufs einerseits und Ausstellungen wie "Bewegte Bewegung" oder "4 Amerikaner" andererseits ins Gespräch brachte, bekannt und berühmt als Stammhaus der Avantgarde. Wenn in diesem Museum nun eine Ausstellung "’60 ’80 – eine Auswahl aus zwanzig Jahren bildender Kunst" stattfindet, so liegt darin auch ein Stückchen Abschied und Resignation: Etwas ist vorbei, ein Lebensgefühl, ein Kunstgefühl, eine Zukunft.

Es liegt darin aber auch als empirische Gegenkraft der doppelte Anspruch einer Selbstdarstellung und einer historischen Übersicht. Daß dabei die eine Absicht dem anderen Anspruch gelegentlich in die Quere kommt, ist unvermeidlich. Aber wenn man findet, daß, zum Beispiel, des Stedelijk-Holländischen doch ein klein wenig zuviel getan ist in dieser Ausstellung, dann eigentlich nur, weil man Namen wie Tàpies und Graubner oder Wesselman und Kitaj vermißt, weil auch die lichten Künste des Larry Bell und Robert Irwin nicht vorkommen, auch nicht Rothko und Morris Louis, wohl aber Willem de Kooning und Francis Bacon. Man kann diese Entscheidungen bedauern, sie allerdings auch eine schlaue Ehrlichkeit der Veranstalter nennen, die sich hier wirklich auch zu ihrem Ausstellungsprogramm der Vergangenheit bekennen (inklusive der Defizite) und sich nicht durch hochtrabende Sentenzen in eine Gefahr bringen, in der im letzten Jahr etwa die "Westkunst" streckenweise etwas umgekommen ist.

Jüngste Kunstgeschichte als Chronologie der Bewegungen und Gegenbewegungen und als Labyrinth der, wie es im Katalog heißt, Pluriformität: Die Amsterdamer Ausstellung taugt zu beidem. Wobei natürlich die farbig selbstbewußte Pop-Art immer noch und immer wieder strahlendere Auftritte hat als die grauskelettierte Sinnlichkeit der Konzept- und Minimalkunst. Wobei auch Einzelgänger wie Francis Bacon oder Barnett Newman, die in ihrem Werk ohne jedes Schielen auf den Zeitgeist um immer dasselbe Thema kreisen, noch monolithischer werden neben Gruppenbewegungen wie "Fluxus" oder einem Ober-Chamäleon wie Robert Morris. Und wobei große Landschaftsarbeiten wie Christos Plan, zur Verpackung der Inseln in Florida oder Dubuffets Skulptur-Architektur "Closerie Falbala" natürlich in einer Ausstellung keine Chance haben gegenüber manchem im Kopf kleineren, in diesem einen Moment aber dreidimensionaleren Kunstwerk.

"Das, was einmal Staub aufgewirbelt hat, als Neuigkeit, ist jetzt selber stellenweise verstaubt", stellt Gijs van Tuyl im Katalog fest. Zu diesen Staubfängern gehört wohl Video-Kunst, die außer in den Arbeiten von Nam Juni Paik kaum je über schlechtes Fernsehen hinausgekommen ist. Dazu gehört auch der Bereich von Performance/Aktion, der freilich nur im Ausstellungszusammenhang obsolet wirkt, aber in den letzten Jahren um so leidenschaftlicher vom Ballett und Theater integriert wurde, zu deren wunderbarem Gewinn. Und gerade die Geschichte von Performance lehrt, daß in Ausstellungen oft das Wichtigste nicht greifbar ist, nämlich jene Phantasie, die sich, wenn überhaupt im Gegenstand, dann allenfalls in Souvenirs greifen läßt. Das trifft weitgehend auf die Arbeiten von zwei der wichtigsten Phantasten der Nachkriegszeit zu: John Cage und Allan Kaprow.

In Amsterdam ist man nicht ausstelungsmüde genug, um alle Sackgassen und Einbahnstraßen der Vergangenheit abzuklappern, und geschickt genug, um sich das Sprungbrett in die achtziger Jahre zu bauen. Daß mit den neuen Arbeiten von Willem de Kooning, dem abstrakten Expressionisten der ersten Stunde, daß mit den zerwühlten Menschenbildern von Francis Bacon und mit dem Farbe und Malerei reflektierenden malerischen Werk von Jasper Johns starke Akzente in der Ausstellung gesetzt sind, ist kein Zufall; es hat nicht nur mit dem Gewicht dieser drei Künstler zu tun, sondern auch damit, daß der Reporter, der nach dem Spiel das Spiel kommentiert, das Tor natürlich immer schon geahnt hat. Will sagen: natürlich läuft die Ausstellung auf den neuen Schwung in der Malerei hinaus, auf die düster deutsche Variante mit Baselitz und Kiefer hier, die komödiantisch italienische Art mit Chia und Cucchi dort.