Washingtons Atomstrategie beginnt, die Amerikaner zu erschrecken

Von Michael Naumann

Washington, im April

Wahre Geschichten vom möglichen Ende der Menschheit: Ein amerikanischer Präsident, Richard Nixon, so berichtet es dieser Tage eine New Yorker Zeitschrift, ruft nachts halbtrunken seinen Sicherheitsberater an: "Henry, we ’ve got to nuke them" – "Machen wir sie (die Vietnamesen) mit Kernwaffen fertig!"

Sein Nachfolger im Weißen Haus hingegen, Gerald Ford, faßte einmal im Fond einer sowjetischen Staatslimousine in Wladiwostok die Hand seines Nachbarn Leonid Breschnjew. Von Emotionen übermannt, schworen sie einander nukleare Abstinenz. Doch der nächste Präsident, Jimmy Carter, behauptete bei Gelegenheit vor zweifelnden Freunden, wenn es sein müsse, könne er das Signal zum Atomkrieg sehr wohl erteilen.

Und Ronald Reagan? "Ein Atomkrieg", sagte er am vorigen Wochenende, "kann weder gewonnen noch darf er jemals geführt werden." Und doch ist er auf Armageddon (wie der Atomkonflikt nach der Endschlacht der Apokalypse genannt wird) vorbereitet. Nur einmal war er es nicht mehr: Am 30. März 1981 verlor Ronald Reagan im Getümmel des Pistolenattentats oder bei der Überführung ins Hospital seine geheime Code-Karte, die er benötigt, um im Notfall seine Militärs zum strategischen Atomschlag gegen die angreifende Sowjetunion zu ermächtigen.

Während der Aufklärung des Malheurs entdeckten Beamte des Weißen Hauses, daß im Pentagon ein Duplikat des präsidentiellen Weltuntergangbillets lag; Ronald Reagan wußte nichts davon. Die Karte wurde "konfisziert".