Urlaub im kanadischen Wildniskamp/Von Diether Kuhn

Wir sitzen um den Tisch in der dämmrigen Blockhütte, trinken den heißen Kaffee und schnuppern den Küchendunst, der vom großen Hera herüberzieht. Bob brät die Hacksteaks mit viel Zwiebeln und großer Konzentration. Wir schweigen, und ich überlege, ob das an dem anstrengenden Tag liegen mag, den jeder von uns hinter sich hat, oder daran, daß auch die anderen, so wie ich, dem Abendessen mit Skepsis entgegensehen. Bärenfleisch – nur kurz gebraten?

Wir hatten doch alle schon einmal etwas über Trichinen gehört. Aber dann, als das Essen auf den Tisch kommt, alle zugreifen, werden auch meine Überlegungen vom Hunger beiseite geschoben, kommt auch das Gespräch wieder in Gang.

Seit einer Woche sind wir schon zusammen in diesem kleinen Camp. Wir – das sind neun, wenn ich Mysty, den schwarzen Labrador, dazuzähle, der am liebsten vom Bootssteg nach den Steinen taucht, die wir für ihn ins Wasser werfen. Wir – das ist eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe von Männern aus Kanada, USA, Europa und sogar Australien, die hier, im äußersten Nordwesten von British Columbia, eine Zeit in einem Wilderness Camp verbringen, um auszuspannen, zu reiten, zu jagen, zu fischen. Das Camp, fünf Zelte und ein Blockhaus (in dem die Vorräte lagern, gegessen und geschwatzt wird), liegt am Taku Arm, einem Nebensee des Atlin Lake, etwa eineinhalb Stunden Außenborder, halbe Kraft, von der nächsten Siedlung entfernt – mitten drin in wilder, schöner Natur.

Es war eine weite Reise dorthin, aber es ist eben nicht mehr so leicht, einen stillen Fleck auf unserer Erde zu finden. Flug Frankfurt-Vancouver non stop. Dann eine etwa 700 Meilen weite Schleife mit dem Mietwagen über die Nationalparks Banff und Jasper bis Prince George. Ich möchte davon keine Meile missen. Man kann wieder große, glänzende Kinderaugen bekommen vor Freude am Sehen. Dann Flug bis Whitehorse, weiter rund 120 Meilen über den Alaska Highway und schließlich Schotterpisten bis Atlin.

Vom Goldrausch des Jahres 1898 war dort, in diesem 350-Seelen-Nest, nichts mehr zu spüren. Bestenfalls der gestrandete Vergnügungsdampfer mit morschem Schaufelrad zeugt von vergangenen turbulenten Tagen. Von hier waren es nur noch knapp zwei Stunden bei Nacht mit dem Kanu über den See.

Nach dem Essen vertreten wir uns die Beine bis zum nächsten Zelt; dort macht die Flasche die Runde: nur ein kleiner Schluck zur Einstimmung auf die kalte Nacht, die sieben Zehntel Whisky, die ich im Gepäck hatte, wollen eingeteilt sein. Jon, unser Gastgeber, schätzt keinen Alkohol in seinem Camp. Nicht etwa, daß er überzeugter Gegner geistiger Getränke wäre, aber Schnaps und Einsamkeit sind für ihn ein schlechtes Paar. Unseren Genuß – in homöopathischen Dosierungen – toleriert er gerade noch grinsend.