Über Mangel an privaten Aufträgen können sich Bio-Architekten nicht beklagen. Doch als der Unternehmer Helmut Kraft dem Architektenbüro Burkhardt in Lichtenstein den Auftrag zum Bau der neuen Verwaltung gab, wurde zum erstenmal der Versuch gemacht, ein Bürogebäude nach den Prinzipien der Baubiologie zu entwickeln. Das Ziel war, bei der Gestaltung der Arbeitsräume nicht allein technisch-organisatorische Gesichtspunkte zu berücksichtigen und die Voraussetzungen für optimale Arbeitsabläufe zu schaffen. Den Mitarbeitern der Firma Kaiser + Kraft in Renningen bei Stuttgart sollten zugleich auch „humane“ Arbeitsplätze geboten werden – wobei sowohl an das körperliche als auch an das seelische Wohlbefinden gedacht wurde.

Daß das neue Gebäude sich äußerlich von der üblichen Büroarchitektur unterscheidet, erkennt der Besucher auf den ersten Blick: Holz dominiert als Baustoff, helle Farben und viele Pflanzen sorgen für eine heitere Atmosphäre. Nicht so offenkundig ist die Sorgfalt, mit der die Baumaterialen ausgewählt wurden. Soweit es die Behörde, die Statik und die Kosten zuließen, wurden alle Stoffe vermieden, von denen eine gesundheitliche Beeinträchtigung ausgehen könnte: giftige Imprägnierungen, Spanplatten, die Formaldehyd abgeben, Asbestzement, der krebserregende Fasern enthält, radioaktive Baustoffe, Möbel und Teppiche, die sich elektrostatisch aufladen. Statt dessen wurden soweit möglich Holz, Kokosfasern, Ton, Lehm und Kork gewählt.

Beton wurde nur sparsam verwendet; und da, wo es nötig war, wurden ihm Tonkugeln statt Quarz als Zuschlagstoff beigefügt. Das dämmt nach Meinung der Architekten die Wärme besser und senkt die Strahlenbelastung. Überdies ließen sie alle Betonteile einen Winter lang „durchfrieren“, um so die schädliche und unangenehme Rohbaufeuchte auf natürliche Art zu vermeiden.

Für den Anstrich der Holzkonstruktionen wurden weiße, grüne und blaue Lasurfarben aus Naturharzölen ohne Giftstoffe verwendet. Die Schreibtische wurden ebenfalls mit Naturlacken behandelt, damit es keine feuchten Hände gibt, wenn man sich darauf stützt.

Fußboden und Treppen sind mit Tonfliesen belegt, die Teppiche zu zwei Dritteln aus tierischen Fasern gefertigt, um elektrische Aufladung zu vermeiden. Alle Arbeitsplätze haben Tageslicht, und wenn es dunkel wird, strahlen Bio-Lampen. Sie brummen und flackern nicht wie die üblichen Leuchtstoffröhren und erzeugen ein dem Tageslicht ähnliches Spektrum.

Um auch jedes denkbare Risiko auszuschalten, wurde vor Baubeginn sogar ein Wünschelrutengänger über das vorgesehene Gelände geschickt. Einflüsse, die von verborgenen Wasseradern auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter ausgehen könnten, sollten nicht alle Bemühungen um ein biologisch optimales Haus zunichte machen.

Trotz der zahlreichen Neuerungen und der zum Teil ungewöhnlichen Baustoffe ist das Verwaltungsgebäude nur um rund fünfzehn Prozent teurer als herkömmliche Bauten. Dieser Aufwand könnte sich überdies rasch bezahlt machen, wenn die Hoffnung, daß die sorgfältige architektonische Gestaltung zu größerer Zufriedenheit und geringerem Krankenstand bei den Mitarbeiter führt, nicht enttäuscht wird.

Enttäuscht wird nur, wer erwartet, daß durch das neue Haus auch ein neuer Geist weht. Doch von mehr Mitsprache der Arbeitnehmer, Gewinnbeteiligung oder anderen Formen partnerschaftlichen Zusammenarbeit hat man bei dem schwäbischen Unternehmen noch nichts gehört. Unkonventionell ist bei dem Versandunternehmen für technische Verbrauchsgüter, das 1981 mit 500 Mitarbeitern 160 Millionen Umsatz erzielte, nur die äußere Hülle. Michael Jungblut