Was ist nicht alles schon über die Brüsseler Kommission der Europäischen Gemeinschaft gelästert worden? Vaterlandslose Gesellen hat sie General de Gaulle gescholten. Als pflichtvergessen hat sie dessen Erbe, der einstige französische Landwirtschaftsminister und heutige Gaullistenführer Jacques Chirac beschimpft, nur weil sie partout nicht im Sinne der Regierung handeln mochten, der sie Amt und hochdotiertes Salär verdanken. Als Hanseln hat sie Bundeskanzler Helmut Schmidt verspottet, nicht einmal eine Straßenbahngesellschaft könnten die Kommissare so leiten, daß diese auch Gewinn macht.

Als ob dies so einfach wäre. Der Bundeskanzler, der ohnedies die Hälfte der Brüsseler Eurokraten am liebsten hätte totschlagen lassen, wußte auch, wie man EG-Kommissar wird. "Der Mann hat noch keine Pension", höhnte er, "also schicken wir ihn nach Brüssel, da kriegt er eine."

Mit seiner, zugegeben, übertriebenen Eurokraten-Beschimpfung liegt der Kanzler, wie sich jetzt herausstellt, gar nicht so schief. Die Rede ist von Richard Burke, dem neuen irischen Mitglied der Kommission, der durch wundersame Fügung der Nachfolger seines eigenen Nachfolgers im Brüsseler Berlaymont, dem Amtssitz der EG-Bürokratie, wurde.

Als Burke, ein erzkonservativer Reaktionär, Ende 1980 nach vierjähriger Zugehörigkeit zur Kommission aus deren Dienst ausschied, war das niemand aufgefallen. Denn von Burke war während der ganzen vier Jahre nichts zu hören und nichts zu sehen gewesen. Wie entsetzt war man jedoch im Berlaymont, als Burke jetzt plötzlich wieder auftauchte; um Michael O’Kennedys Platz einzunehmen, der sich nach den letzten irischen Wahlen dafür entschieden hatte, in Irland zu bleiben.

Daß Burke von Premierminister Charles Haughey nach Brüssel zurückgeschickt wurde, hat einen ganz besonderen Grund. Burke gehört der Opposition im irischen Parlament an. Dort verfügt Haughey nur über 81 der 164 Sitze. Mit der Fahrkarte nach Brüssel mußte Burke auch auf sein Abgeordneten-Mandat verzichten. So wird das Regieren für Haugheys Minderheitenkabinett in Zukunft etwas einfacher. Und wenn die Nachwahlen in Burkes Ex-Wahlkreis günstig ausgehen, kann Haughey mit den Stimmen der Unabhängigen sogar auf knappe Mehrheiten hoffen.

Die EG-Kommission als Stellwerk innenpolitischer Sackbahnhöfe – das ist in der Tat noch nicht dagewesen.

Hans-Hagen Bremer