Die Faubourg Saint-Honoré ist eine Art gastronomische Halbwüste, deren vereinzelte Oasen sich an der Kreuzung mit der Rue Royale verdichten. Hier wechselt die Straße den Namen, wird wohnlicher und heißt einfach Saint-Honoré nach jenem Meister der Bäckerinnung, dem im 16. Jahrhundert das Gelände an der einstigen Stadtgrenze gehörte.

Noch vor dem Elysée-Palast, dessen vorzügliche Küche leider nicht allgemein zugänglich ist, befindet sich in Nr. 112 das Pariser „Bristol“, das seit vier Jahren in Oetkers Hand und glanzvoll renoviert ist. Der Gault-Millau stattete die Küche des Hauses mit hohem Lob aus, was sich leider auch an den Preisen ablesen läßt. Die Bar versorgt der Bretone Michel, der neben reisenden Politikern Romy Schneider und Omar Sharif zu seinen Gästen zählt.

Weniger illuster sind die Kunden der kleinen Crêperie in der Rue Duras schräg gegenüber dem Präsidentenpalais, wo sich bei entsprechenden Anlässen fast rund um die Uhr die im Elysée akkreditierten Journalisten treffen. Was nun in Richtung Louvre folgt, sind einige hundert Meter gastronomischer Traurigkeit. Erst an der Rue Royale ändert sich das Bild.

Ganz rechts am Place de la Concorde liegt „Maxim’s“, seit Mai vergangenen Jahres vollständig im Besitz des Modemenschen Pierre Cardin, der in angeschlossenen Boutiquen unter dem Markenzeichen „Maxim’s“ nun alles verscherbelt, was irgend mit Essen zu tun hat. Das Restaurant selbst ist unverändert plüschig, teuer und versnobt geblieben, obwohl das Gerücht umgeht, der neue Herr im Haus ernähre sich mit Vorliebe von Konserven. Zu den Stammgästen gehören Francine Gomez, die Vorstandsvorsitzende von Watermann, und ihr Gatte Alain, Sozialist mit ehemals heftigem Linksdrall und nun Generaldirektor des verstaatlichten Großunternehmens Rhône-Poulenc.

Das „George VI“, noch auf der Rue Faubourg, hingegen ist ein bescheidenes Bistro mit einer kleinen Auswahl von Schnellgerichten und freundlicher Bedienung. Wer mehr wünscht, ist im „Maison du Valais“ gut aufgehoben, einer kleinen Schweizer Insel auf der Rue Royale. Der Chef Pierre Lemerle serviert zu Kalbsgeschnetzeltem in Morchelrahm einen guten Fendant.

Zum Nachtisch empfiehlt sich ein Abstecher zu „Ladurée“ gleich nebenan, wo an kleinen Tischen unter alten Deckenfresken Kuchen und Tee serviert werden. Im ersten Stock gibt es mittags einfache warme Gerichte zu vertretbaren Preisen.

Am Ende der Rue Saint-Honore mit dem neuen Antiquitätenviertel gegenüber dem Louvre liegt zur Linken das Palais Royale mit seinem Park. Nach dem Schaufensterbummel in der Modestraße Saint-Honore bieten die Arkadengänge des Palais eine ruhige Alternative, zumal in der Rue des petits Champs auf der anderen Seite des Palais Royale im „Aux bons Crus“ und bei „Willie’s“ (Nr. 7 und Nr. 13) deftige Küche und eine große Auswahl von Weinen warten. Wobei „Willie’s“ in der Qualität die Nase vorn hat, obwohl der Besitzer Engländer ist. Jörg Reckmann