Auszüge aus einem Fernseh-Interview: Lilli Palmer befragte Helmut Schmidt

Palmer: Ganz abgesehen von politischen Salachen, bin ich so enttäuscht davon, daß das X. Fernsehen, das den Menschen so viel bringen soll, eigentlich doch so wenig geschafft hat, zum Beispiel in der Bereicherung. Wer hat früher gewußt von den einfachen Menschen, wie es ist, wenn man den Nil heruntersegelt? Jetzt wissen sie es alle. Hat es ihnen die Phantasie beflügelt? Keineswegs! Sie sind noch mehr gelangweilt, als sie vorher waren. Woher kommt das?

Schmidt: Das weiß ich nicht, ob sie noch mehr gelangweilt sind. Da haben wir beide ja noch nicht gelebt früher; wir wissen nicht, wie langweilig das damals war.

Palmer: Aber weil sie gelesen haben. Also Phantasie wurde angespannt, und sie haben sich vielleicht noch etwas häufiger...

Schmidt: Aber das mit dem Lesen ist ja auch erst ein paar hundert Jahre her. Zur Zeit Martin Luthers haben die meisten Leute nicht gelesen.

Palmer: Nein, was haben die eigentlich getan?

Schmidt: Die haben gearbeitet! Die haben gearbeitet, und zwar nicht acht Stunden am Tag und nicht vierzig Stunden in der Woche, sondern sechzig, siebzig, achtzig Stunden. (Palmer: So wie Sie das tun). Die haben gearbeitet. Ich glaube, daß die Explosion der Information für den einzelnen Menschen durch das Fernsehen, durch den Rundfunk, durch die Zeitungen, durch die Zeitschriften, daß die zu schnell gekommen ist. Ich denke, wenn Akten noch mit der Hand geschrieben werden müßten statt mit der Schreibmaschine, wenn sie nicht mehr photokopiert werden könnten, sondem abgeschrieben werden müßten wie zu Goethes Zeiten, dann würde unser Leben in der Qualität gehoben werden. Man müßte nämlich lange nachdenken, ehe man ein Wort zuviel schreibt, das kostet nämlich Kraft und Zeit, man muß sich konzentrieren auf das Wort, was wirklich wichtig ist. Wir kriegen heute 10 000mal soviel Worte an den Kopf geworfen durch den Rundfunk, durch die Zeitschriften, durch das Fernsehen. 10 000mal soviel wie am Beginn des Jahrhunderts.