Über den Regisseur Benjamin Korn und seine letzte Hamburger Inszenierung

Von Benjamin Henrichs

Die Liebe stirbt. Ein Prinz, ein Mensch mit einem dicken Kindergesicht und alten, leeren Augen, verabschiedet seine Geliebte. Er sagt ihr lauter entsetzliche, mit dem Entsetzen kokettierende Worte: "Ich liebe meine Langeweile wie dich. Ihr seid eins." Er ist ein vollkommen gelangweilter, also vollkommen theatralischer Prinz – so macht er den Abschied von der Liebe zu einer Abschiedsinszenierung und genießt sich dabei in der Rolle des Regisseurs: "Tanze Rosetta."

Und Rosetta tanzt: lustlos, gehorsam, dürftig, eine Marionette seiner prinzlichen Launen. Sie kniet nieder vor Leonce, hebt ihren Rock vor ihm, sie exekutiert noch einmal kalt das Repertoire der leidenschaftlichen Mätresse. Sie ist so demonstrativ unterwürfig, daß es fast schon wieder unverschämt ist. Gelangweilt gehorcht sie der Langeweile des Prinzen. Ein Protestakt, ein Zeichen der fürchterlichsten Trauer.

Eine Regieanweisung des Dichters: "Man hört Musik aus der Ferne. Die Musik aus der Ferne ist in Benjamin Korns Hamburger Inszenierung von Georg Büchners Lustspiel "Leonce und Lena (in der Carin Abicht die Rosetta spielt und Matthias Scheuring den Prinzen) Musik von Franz Schubert: das Adagio aus dem Streichquintett C-Dur, op. 161.

Eine Szene über die Liebe und das Ende der Liebe – Büchner schrieb sie 1836, ein Jahr vor seinem sehr frühen Tod. Eine Musik wie über das Ende der Musik – Schubert schrieb sie 1828, wenige Monate vor seinem Tod. Im Streichquintett ereignen sich die langsamsten Minuten von Schuberts langsamen Sätzen: Mehrere Male scheint die Musik stehenzubleiben, verstummen zu wollen. Und wird dann doch noch, zum letztenmal, ein ergreifender Gesang. Es ist eine Musik, um es mit dem Prinzen. Leonce zu sagen, "in der alle Uhren zerschlagen sind".

In Korns Büchner-Inszenierung wird aus der Szene vom Tod der Liebe auch noch einmal, sekundenlang, eine Liebesszene; ein Aufwachen aus der Leere. Rosetta und der Prinz umarmen sich, küssen sich, müssen lachen – Rosetta steckt den Finger in den Mund, reißt das Gesicht zu einer Grimasse auseinander, macht ein Freudenjauchzen, Freudenjaulen, fast wie der Clown CharlieRivel. Doch die wiedererwachte Liebe stirbt auch gleich wieder – das Lustspiel nimmt seinen Lauf.