Ein Verkehrsunfall, wie er nicht selten geschieht: Ein junger Mann, 20 Jahre alt, steuerte seinen Wagen zu schnell in eine Kurve. 40 Stundenkilometer waren vorgeschrieben, 80 hatte der junge Fahrer drauf. Das Fahrzeug wurde aus der Kurve getragen, es zerschellte an einem Baum. Während der Autolenker mit leichteren Verletzungen davonkam, war ein Freund, der mit im Wagen saß, tot. Geschehen im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts.

Der Richter, vor dem sich der 20jährige nach dem Unglück zu verantworten hatte, ersann eine seltsame Strafe – sie machte den Fall bekannt. Er verurteilte den jungen Fahrer, einen Schüler, dazu, in neun Mittelschulen seiner Gegend vor anderen Schülern ein „Referat“ über das Unglück zu halten: über Hergang, Fehler, Gründe und Folgen des Unfalls. Der Richter, so die Meldungen, erhoffte sich von diesem Urteil einen Rückgang der Verkehrsunfälle, wie sie auf diese Weise oft von Jugendlichen verursacht werden. Selbst der Verteidiger glaubte an Sinn und Nutzen dieser Strafe.

Auf den ersten Blick leuchtet sie auch ein. Vielleicht könnte ein Heranwachsender, der seinen Altersgenossen den schrecklichen Unfall erzählt, der die übermütige und trotzige Stimmung darstellt, in der man so schnell fuhr, etwa auch den Alkoholkonsum, der vorausging – vielleicht könnte eine solche Schilderung die Mitschüler beeindrucken. Auch in der Bundesrepublik wäre diese Strafe – als „Auflage“ – möglich. Ähnliches wird auch manchmal judiziert.

Vor vielen Jahren verurteilte ein deutscher Jugendrichter einen Jungen, der bei einem Motorradunfall den Tod seines Freundes verursacht hatte, dazu, jeden Sonntag am Grab des Getöteten einen Blumenstrauß niederzulegen. Nach einigen Wochen kam der Verurteilte zum Richter und bat flehentlich um Änderung. Lieber wolle er fünf Jahre ins Gefängnis als jeden Sonntag die entsetzliche Handreichung unter den Blicken der Friedhofsbesucher. Der Richter war erschüttert und änderte die Strafe.

Beim zweiten Blick, beim Blick auf den Verurteilten selbst, offenbart sich die Grausamkeit solcher Strafen. Ein halbwegs sensibler Mensch leidet ohnehin an seiner Schuld, die zum Tod eines Freundes führte. Der Tritt aufs Gaspedal, Unvernunft und Großmannssucht bei jungen Fahrern sind oft nur Äußerungen eines ungefestigten, rebellierenden Lebensbewußtseins: Der Fahrer will mehr gelten, will über die Unsicherheit und das Minderwertigkeitsgefühl seiner jungen Jahre einmal hinausgelangen. Demütigt ihn der Richter in bester Absicht, so macht er ihm eine wirkliche Bewältigung der Tat fast unmöglich.

Die Mitschüler in Massachusetts werden auch nur im allerbesten Fall beeindruckt und gewarnt sein. Meist sind sie neugierig und grausam dazu: Die Peinlichkeit und Prangerwirkung eines solchen „Referates“ lassen sich mit wenig Phantasie vorstellen. Selbst die abschreckende Wirkung ist dann problematisch, weil die jungen Zuhörer das nur als sensationelle Gaudi weiten und möglicherweise den Schluß ziehen, mit einer solchen Strafe sei alles „halb so wild“ ausgegangen.

Ich erzählte den Fall drei Menschen: zuerst einem jungen Schüler. Der erblaßte, identifizierte sich sofort mit dem Bestraften. Das sei eine herzlose Strafe. Ein erfahrener Jugendrichter meinte, so ein Urteil könne das Gericht nur bei genauer Kenntnis eines Menschen fällen – und die habe es in der Regel nicht. Das sei „mit Zurückhaltung“ zu bewerten. Ein Psychotherapeut meinte spontan, das amerikanische Gericht habe ein sadistisches, mittelalterliches Urteil gefällt. Nicht die äußerst fragwürdige Abschreckung sei hier das Wesentliche, sondern die seelische Mißhandlung des jungen Fahrers, der über den Unfall hinaus für sein Leben geschädigt werde. Der Richter schlage genau dort zu, wo es der junge Mann am wenigsten vertragen könne: bei seinem Geltungsanspruch und seinem Selbstbewußtsein, weswegen er möglicherweise gerade den Unfall gebaut habe. Menschenunwürdig – so das Werturteil des Seelenarztes.