Von Karin Hempel-Soos

Nur, wenn sie gestorben wäre, hätte sie eine bessere Presse gehabt, sagte ein Antje Huber durchaus wohlgesonnener Mann, nachdem die Nachrufe auf ihren Rücktritt ins Unendliche gewachsen waren beziehungsweise gen Himmel stanken. Schon vorher konnte Frau Huber sich über einen Mangel an schlechter Presse nicht beklagen. Abfällige Bemerkungen waren sozusagen zum ständigen Begleiter geworden. Studiert man die Presse aus dem Jahre 1976, als Antje Hubers Vorgängerin Katharina Focke das Handtuch warf, fällt auf, daß die öffentliche Beurteilung der Rücktritte fast identisch ist. Im Kölner Stadtanzeiger beispielsweise stand: „Das Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit diente einem Regierungschef nach dem anderen dazu, eine Frau zum Vorzeigen ins Kabinett zu nehmen. Die Kompetenzen dieses Ministeriums wurden unverantwortlich klein gehalten ... Zieht aber der neue Gesundheitsminister lediglich ins alte Amt, so kann er schon das politische und persönliche Schicksal absehen, das ihn ereilen wird...“

Das politische Horoskop des Kölner Stadtanzeigers ist für Antje Huber in Erfüllung gegangen. Anderen Frauen in hohen politischen Ämtern haben sich die Sterne auch auf eigenartige Weise versagt. Sei es Marie Schlei, die der Kanzler ohne Kommentar aus ihrem Amt entließ und die ihre Demission aus der Morgenpresse erfuhr; sei es Annemarie Renger, die als Kandidatin ohne jede Chance zum Amt des Bundespräsidenten kandidieren durfte, als alle Männer zu fein oder zu feige waren, die sichere Niederlage demokratisch einzustecken. Marie Schlei, der der charmante Hans Apel den Rücktritt versüßen wollte, indem er als Grund dafür übers Fernsehen ihre Brustkrebsoperation aus dem Jahre 1971 ins Spiel brachte, diese Marie Schlei war wie Antje Huber dem Kanzler treu ergeben. Zum Rücktritt der vorerst letzten Frau aus der Bundesregierung erklärte sie in einem Interview: „Wer da gescheitert ist, müßte genauer untersucht werden. Ist es nicht unsere männerbestimmte Gesellschaft, ist es nicht das männerbestimmte Bonn, das mit dazu beiträgt, daß eine Frauenleistung noch immer unter Wert gehandelt wird?“

Die besonders dünne Bonner Luft – in Landesparlamenten soll es mit Frauen minimal besser zugehen – erklärt Marie Schlei mit dem „Nummereins-Status“ der Regierungszentrale. Hinzu käme ein anderer Umgangston der Regierungsfrauen: „Unsere Repräsentanzformen sind andere als die der Männer. Wir gingen von einer zeitgemäßen Kollegialität im Umgang auch mit den Mitarbeitern aus, und das schien ungewöhnlich. .Die, wie ich meine, noch immer fürchterlich hierarchisch bestimmte Situation in Bonn hat neue Umgangsformen nicht zugelassen.“

Umgangsformen und Kleidervorschriften waren für Frauen auch sonst ein heikles politisches Kapitel. Eine Zeitung von Welt hatte seinerzeit über die Dame von Welt, Annemarie Renger, geschrieben: „Politische Resolutheit verbindet sie mit Modebewußtheit, bravouröse Zelebration der Geschäftsordnung mit der hohen Kunst des Figaro, die Regie vom Präsidentensitz kommt von geschminkten Lippen.“ Manche mögen sich auch an die Zeiten erinnern, als der ehemalige Bundespräsident Eugen Gerstenmaier die FDP-Abgeordnete Hedda Heuser mit den Worten begrüßte: „Kluge Reden sind nicht so wichtig, gnädige Frau, behalten Sie Ihr gutes Aussehen.

Auch dieses eine weitverbreitete Methode; Frauen zur Strecke zu bringen. Egal, ob auf Speisekarten steht „Frauen sind wie Kaviar – nutzlos und wunderbar“ oder ob die politischen Versprechen und Versprecher der Männer lediglich den Wert der Liebesschwüre eines Don Giovanni haben – für Marie Schlei steht fest: „Die Menschen sehen nicht auf den Schmerbauch eines männlichen Politikers, seine paschahaften Manieren, aber sie schauen sofort auf die Frisur, auf die Kleidung einer Frau und bewerten das erst einmal vordergründig.“

Neben der äußeren Kleiderordnung gibt es noch eine ideologische Kleiderordnung, die ebenfalls von Männern bestimmt wird. Die „Ladykiller“, wie die CDU-Europaparlamentarierin Hanna Walz schon vor Jahren warnte, sind in allen Parteien zu Hause. Als der CDU-Couturier Norbert Blüm nämlich für die Gesellschaft das Gewand der „neuen“ Mütterlichkeit entwarf, hatten die CDU-Frauen nichts zu sagen. Nicht, daß die Blümsche Schriftvorlage ihnen die Sprache verschlagen hätte, aber der Bundestagsabgeordneten und Vorsitzenden der Familienkommission des Bundesvorstandes der CDU-Sozialausschüsse, Renate Hedwig, wurde auf der Bundeskonferenz vom Oktober 1981 von einem anscheinend zeugungsfähigen Mann die Mitsprache mit dem Argument verweigert, daß sie das Glück einer Mutterschaft noch nicht erfahren habe.