Ein Schwarzer wird in New York von einem Polizisten verprügelt. Wenig später findet man den Polizisten tot in der U-Bahn. Auf denselben Schwarzen schießen zwei Männer, als er mit einem weißen Mädchen im Auto sitzt. Der Schwarze setzt eine hohe Belohnung zur Ergreifung der Schützen aus. Bald werden die beiden tot aus dem Fluß gefischt. Der Schwarze ist der Trompeter Miles Davis...

Um diesen Musiker haben sich unzählige Mythen gebildet – Miles, der stolze, arrogante, der aggressive Schwarze, kein underdog wie die anderen, wie Charlie Parker, John Coltrane, Charles Mingus, Archie Shepp, vielmehr ein schwarzer Aufsteiger, Identifikationsfigur für die da unten auf der Straße, deren die vollen Bürgerrechte in ihrem Land noch immer verwehrt sind. Stellvertretend für sie spuckt er auf die weiße Gesellschaft, die in den USA gleichbedeutend mit der ausbeutenden Gesellschaft ist – Rassenfrage als Klassenfrage.

Miles Davis hat sich die Ferraris, die weißen Frauen mit Hilfe des weißen Systems erstritten, von Beginn an. Er hat das System benutzt wie du System ihn. Das Geld, das er mit seinen Platten verdient, die bei einem „weißen“ Medienkonzern erscheinen, gibt ihm die Macht, sein weißes Publikum zu verachten. Er dreht ihm im Konzert den Rücken zu, er läßt sich nicht interviewen, nicht photographieren. Alle wollen ihr, auf der Bühne, vor dem Mikrophon, vor der Kamera. Aber er kennt seine Macht, er verweigert sich. Über den schwarzen Boxer Jack Johnson, dem er eine Platte widmete, schrieb er etwas, das ebenso auf ihn selbst zutrifft: „Er verkörperte Freiheit..., je mehr Geld er machte, je mehr Frauen er bekam, je mehr Wein er trank, um so mehr haßten sie ihn. Haß ist das Gegenteil von Liebe, aber beide bezeugen sie Größe.“

Der Mythos Miles Davis ist ein Mythos, der sich auf künstlerische Genialität gründet: Er ist vielleicht der ausdauerndste Innovator der Jazzgeschichte. Von den knapp hundert Jahren, die diese Musik existiert, hat er fünfundzwanzig entscheidend mit geprägt: Ende der vierziger Jahre war er der Geburtshelfer des Cool Jazz, Mitte der fünfziger Jahre schuf er den Hard Bop, den er in den sechziger ahren zu ungeahnter Perfektion entwickelte, Ende der sechziger Jahre initiierte er den Jazz-Rock, wurde zum Vater des elektrifizierten Jazz der siebziger Jahre. Heute ist Miles Davis 55 und noch immer der einzige Superstar des Jazz.

Schon immer hat sich Miles Davis – wie es dem Image eines lebenden Mythos’ entspricht – rar gemacht. Selten gab er Konzerte. 1975 schließlich verschwand er ganz von der Bildfläche. Ein schweres Hüftgelenkleiden ließ ihn den Plattenstudios und Konzertsälen fernbleiben – Anlaß zu neuen Mythenbildungen. Nach sechsjähriger Zurückgezogenheit veröffentlichte Davis 1981 wieder eine Platte: „The Man with the Horn“, mehr Resümee als etwas Neues, und er trat in den USA auf. Vergangene Woche nun gab der Trompeter im Congress Centrum Hamburg das erste Gastspiel seit achteinhalb Jahren in der Bundesrepublik.

Das Konzert – vor halbleerem Haus – war die Bilanz eines Musikers, der zu den Rädelsführern im Jazz gehörte, dem die Jazzgeschichte heute freilich davongelaufen ist. Wer von den Konzertbesuchern Gruppen wie das „Art Ensemble of Chicago“ oder die erfrischende Fusion von neuem Jazz und der neuen Welle der Rockmusik im Kopf gehabt hat, wird von diesem Konzert enttäuscht gewesen sein. Aber der Musiker Miles Davis, untrennbar mit dem Mythos Miles Davis verbunden, braucht sich an solchen Idealen nicht messen zu lassen. Denn wer über ein Vierteljahrhundert lang Tempo und Richtung der Jazzentwicklung mitbestimmt hat, dem sei zugestanden, daß er nun anderen das Steuer überläßt. Als Maßstab für Davis taugt nicht das Neueste im Jazz, sondern sein eigener Mythos und seine eigene Geschichte. So war dies eine gelungene Vorstellung, eine Sicherung der eigenen Spuren.

Miles Davis präsentierte sich im soliden Rahmen eines Sextetts: Saxophon, Gitarre, Baß, Schlagzeug, Perkussion sind die Instrumente neben des Meisters Trompete. Zunächst scheint es, als knüpfe er dort an, womit er sich 1975 verabschiedet hatte: Die Rhythmusgruppe breitet ein dickes Polster aus komplexen, kantigen Rhythmen aus, oft gebrochen durch gebieterische Gebärden von Davis, der neue Abschnitte diktiert, der den Bassisten schon mal einen Bebop-Lauf, den Schlagzeuger einen harten Rock-Vierviertel spielen läßt.

Auf dieser Grundlage entfaltet Miles Davis mit Motiven seiner letzten Platte, einem älteren Thema und einigen neuen Kompositionen sein Resümee. Er bläst die Trompete zwar elektrisch verstärkt, aber meist unverfremdet. Seinen traurigen, bedeckten Trompetenton aus den fünfziger Jahren hat er wiederentdeckt, die verzerrten Wah-Wah-Töne der siebziger Jahre scheinen vergessen, das Spiel klingt ausgeglichener denn je. Es ist jene „Kind of Blue“-Stimmung von 1959, die im Ton der Trompete lebendig wird.