Von Heinrich August Winkler

Das Buch, das hier anzuzeigen ist, gilt zu Recht bereits als ein klassisches Werk der deutschen Parteigeschichte:

Carl E. Schorske: "Die große Spaltung. Die deutsche Sozialdemokratie von 1905 bis 1917"; aus dem Amerikanischen von Harry Moör; Olle und Wolter Verlag, Berlin 1981, 451 S., aus dem

Das amerikanische Original erschien bereits vor über einem Vierteljahrhundert: 1955. Daß eine deutsche Übersetzung gerade jetzt herauskommt, ist wohl mehr als ein Zufall. Die Richtungskämpfe innerhalb der deutschen und europäischen Sozialdemokratie haben sich in den letzten Jahren verschärft. Schorskes Buch, das die historischen Wurzeln dieses Streits freizulegen versucht, hat daher neue Aktualität erlangt.

Die Hauptthese läßt sich knapp zusammenfassen: Nicht im Ersten Weltkrieg hat sich – wie viele immer noch meinen – das große Schisma der deutschen Sozialdemokratie in "Regierungssozialisten", "Unabhängige" und Kommunisten vollzogen, sondern schon früher. Seit 1906 entzweite sich die SPD immer mehr über Fragen wie den politischen Massenstreik, das Verhältnis der Arbeiterschaft zum Krieg und das Problem, wieweit man mit bürgerlichen Parteien zusammenarbeiten durfte. Die Frontlinien, die sich über diesen Streitfragen herausbildeten, entsprachen der späteren Spaltung in Mehrheitssozialdemokraten, USPD und Spartakusbund. Die Revisionisten und Reformisten waren nach 1914 die Anhänger des "Burgfriedens", die gemäßigte antireformistische Linke der Vorkriegszeit stellte das Gros der USPD, die Radikalen um Rosa Luxemburg bildete die Keimzelle der Kommunisten.

Natürlich weiß Schorske, daß die Wirklichkeit komplizierter war. Der Erzrevisionist Eduard Bernstein etwa ging zu den Unabhängigen Sozialdemokraten, weil er an die offizielle deutsche These vom reinen Verteidigungskrieg nicht mehr glauben konnte, und manche radikalen Linken entpuppten sich nach 1914 plötzlich als glühende Imperialisten. Aber um seiner pointierten These willen mißt Schorske solchen "Abweichungen" nicht viel Gewicht bei. Ob, wie Schorske anzunehmen scheint, die Sozialdemokratie auch ohne Krieg an ihren inneren Gegensätzen zerbrochen wäre, ist im übrigen keineswegs ausgemacht. Absplitterungen nach links und wohl auch nach rechts waren wahrscheinlich. Zur großen Spaltung jedoch bedurfte es eines Streitpunktes wie der Kriegskredite.

Schorskes Sympathie gehört den Linken, und ihre Gegnerschaft zu einem Krieg, für den das Deutsche Reich in höherem Maß verantwortlich war als andere Mächte, verdient die Anerkennung des Historikers. Eine andere Frage ist, ob die Linwar in der SPD wirklich klare Vorstellungen davon hatten, wie der kaiserliche Obrigkeitsstaat zu überwinden war. Schorske bleibt da ziemlich dabestimmt. Das Problem, wie denn eine demokratische Revolution in einer hochindustrialisierten Gesellschaft aussehen könne, hat er sich nicht gestellt Hätte er es getan, wäre sein Urteil über die entschiedenen Reformisten und Revisionisten, die ja immerhin das allgemeine gleiche Wahlrecht in Preußen durch Generalstreik erkämpfen wollten, vielleicht freundlicher ausgefallen. Daß es zwischen diesen "rechten" Aktivisten und den ideovielleicht Traditionalisten der Parteimitte betrachtliche Unterschiede gab, kommt bei Schorske nicht deutlich genug heraus.