Münster

Der Clown Anatolij Martschewskij wirkte noch ein wenig übermüdet, als er am Morgen nach der Premiere vor dem Frühstücksbüfett stand. Tags zuvor hatte er die 4500 Zuschauer in der Halle „Münsterland“ mit seinem strahlenden, jungenhaften Lächeln erobert. Aber das Lächeln kam sofort zurück, als ich ihn (mit Hilfe einer Dolmetscherin) ansprach.

Worin sich der „Russische Staatszirkus“ von anderen großen Zirkus-Shows unterscheide? – „Wir sind ein nationaler Zirkus. Ich denke, unsere Ensembleleistung ist deshalb stärker. Und wir können mehr Folklore bieten.“ Im übrigen, so korrigierte er, sei es nicht ganz richtig, den Staatszirkus der UdSSR als „russisch“ zu bezeichnen, „sowjetisch“ sei richtiger.

Der Clown Martschewskij stammt aus der Ukraine. Schon mit 13 Jahren trat er im Zirkus seines Heimatstädtchens auf. Mit 16 Jahren wurde er, bei einem Auftritt in Kiew, entdeckt und auf die staatliche Zirkusschule nach Moskau geschickt. Heute gilt Anatolij Martschewskij in seiner Heimat als legitimer Nachfolger des berühmten Clowns Poppow.

Er tritt unmaskiert auf; ein paar bunte Kleidungsstücke, das ist alles. Keine rote Nase, keine Perücke, keine zu großen Schuhe. Sein Publikumserfolg – vor allem die Kinder wollten sich kaputtlachen – liegt in der erstaunlichen Fähigkeit begründet, so „nebenbei“ perfekt zu sein. Auf dem Einrad ist er genauso sicher wie als Balancekünstler auf wackeligen Dosen oder als Jongleur mit dem Ball am Fuß.

Der Clown Martschewskij sorgt dafür, daß es im „Russischen Staatszirkus“ keine Pausen zwischen den „großen“ Nummern gibt; dabei ist er selbst eine der größten Attraktionen in der Manege.

Als die „Nummer eins“ möchte er allerdings nicht gesehen werden, obwohl er sich Träger eines Artisten-„Oskars“ rühmen darf. „Die Nummer eins? Wir sind am nächsten Morgen alle in gleicher Weise ein bißchen müde.“