Von Gunhild Freese

Die Parolen passen ins Bild: „Vorrat schaffen! Zigaretten noch zu alten Preisen“, heißt es auf großflächigen Verkaufsplakaten, die über den Tabakständen der Warenhäuser hängen. Und um den knauserig gewordenen Konsumenten den Vorratskauf auch richtig schmackhaft zu machen, wird ihnen auf einem Plakat daneben gleich die Rechnung präsentiert: „Zigarettenpreise Stange 31,50, ab 1. Juni 40 Mark. Sie sparen 8,50.“

Ganz unverhohlen zielen die Handelskonzerne damit auf die neueste Leidenschaft der Konsumenten: die Jagd nach günstigen Angeboten. Zum 1. Juni nämlich wird die Tabaksteuer um 39 Prozent angehoben, und damit verteuern sich die Zigaretten um rund ein Drittel – ein Preisschub, wie es ihn in der Nachkriegszeit noch nie gegeben hat. Doch ob die Konsumenten den Appellen der Verkäufer folgen, das ist die große Unbekannte. „Wie preisbewußt reagieren die Verbraucher“, fragt sich denn auch Dirk Klewinghaus, Zentraleinkäufer für Tabakwaren und Erfrischungsgetränke bei Karstadt.

Die Frage quält auch die kleine Schar der fünf heimischen Zigarettenanbieter. Die Branche, die sonst noch die kleinste Änderung ihres Marktverhaltens nicht ohne ausgiebige Tests, Konsumentenbefragung, Marktanalyse und Marktforschung wagt, muß sich nun im Rätselraten üben. Nicht einmal die Erfahrungen des Jahres 1977, als eine Verteuerung der Zigaretten um 18 Prozent den Absatz um gut zehn Prozent sacken ließ, kann jetzt weiterhelfen. Denn inzwischen befinden sich die Konsumenten in einer neuen Lage: Im dritten Jahr hintereinander müssen sie mit gesunkenen Realeinkommen haushalten.

So geben sich die Anbieter von Fabrikzigaretten, Reemtsma und Reynolds, BAT, Brinkmann und Philip Morris, keinen Illusionen hin. Ado Nolte, Marketingchef der Münchner Zigarettenfirma Philip Morris: „Keiner bleibt ungeschoren.“ Um fünfzehn bis zwanzig Prozent – so die Branchenschätzung – wird der Absatz von Juni bis Ende Dezember am heimischen Markt sacken, und statt des Verkaufsrekords vom vergangenen Jahr mit knapp 130 Milliarden Zigaretten werden die Hersteller in diesem Jahr insgesamt wohl nur 112 bis 114 Milliarden Stück los.

Doch nicht nur die preisbewußten oder enthaltsamen Konsumenten werden den Zigarettenfabrikanten das Leben schwer machen. Mehr als je zuvor werden sie in diesem Jahr Konkurrenz zu spüren bekommen. Schon nach der letzten Preisanhebung Anfang 1977 hatten sie Terrain aufgeben müssen. Der niedrigeren Preise wegen pendelten schon damals Bundesbürger in die Nachbarländer. Die privaten Importe schnellten von knapp zwei auf etwa sieben Milliarden Stück hoch.

Auch in diesem Jahr werden sich Zigarettenkäufe im kleinen Grenzverkehr lohnen: Um eine bis 1,50 Mark wird die Packung Zigaretten nach der heimischen Preiserhöhung in Frankreich, der Schweiz, Belgien und Holland billiger sein, in Luxemburg sogar zwei Mark. Das Nachsehen hat indes nur der Bonner Finanzminister. Die deutschen Zigarettenhersteller lassen die Zigaretten für die europäischen Länder zum größten Teil in ihren deutschen Werken, zumeist in Berlin, drehen. Die Kunden gehen ihnen nicht verloren.