Von Sigrid LÖffler

Die Füße in vertretenen Altfrauen-Schuhen, die Hände in Jackentaschen vergraben, in den Mundwinkeln eine wehe Grantigkeit, auf den Lippen die trivialen Dialoge einer französischen Tränenschnulze, so trippelt sie derzeit mehrmals die Woche über die Bühne des Wiener Akademietheaters, respektvoll und sähe beklatscht von einem unbeirrbaren Stamm- und Abonnementpublikum – Paula Wessely, die Wessely, die letzte Großfürstin des deutschsprachigen Theaters,

Im vergangenen Januar ist sie fünfundsiebzig geworden. Als Jubiläumsrolle hat sie sich die alte Näherin Germaine Lescot in Jean Bouchauds verlogenem Rührstück „Wie war das damals?“ ausgesucht – eine ehemalige Haute-Couture-Schneiderin („Vor dem Krieg war ich eine erste Kraft bei Lanvin“), die von ihrer Tochter aus der Wohnung bugsiert und ins Altersheim abgeschoben wird.

Es ist eines von jenen Stücken, bei denen den Kritikern nichts anderes übrigbleibt, als zu beteuern, die Wessely adle selbst den Kitsch zur Kostbarkeit, dank ihrer Würde sogar das Verlogene wahrhaftig. In den Geburtstagsartikeln wurde verdächtig oft vom „Geheimnis der Seele“, von der „wienerischen Herzensmelodie“ geraunt, an die ihr Spielen rühre. Man wird der Wessely nicht sagen, daß ein solches Stück ihre Kunst nicht wert sei. Zumal sie sich – Identifikationsschauspielerin, die sie ist – mit dieser Rolle derartig identifiziert hat, daß eine beklommene Burgtheater-Dramaturgie sie ihr nicht abzuschlagen wagte.

Ohnehin sind Wessely-Rollen notorisch schwer zu finden, nachdem sie die bösen alten Damen der Weltliteratur – von Dürrenmatts Claire Zachanassian bis Garcia Lorcas Bernarda Alba – seit Jahren konsequent verweigert. Längst ein Denkmal ihrer selbst geworden, besorgt und versorgt die Wessely vor allem ihre eigene Institutionenhaftigkeit – als Mutter eines Schauspieler-Clans und zugleich als Österreichs berühmteste Schauspielerin. Einerseits beharrt bei der Wessely eine hohepriesterlich-vestatische Kunstauffassung mit radikaler Strenge gegen sich selbst auf der eigenen Singularität; andererseits residiert im Edelsitz der Famile, in der Grinzinger Himmelstraße Nummer 24, eine Clanmutter, deren Familie aus nichts als Burgschauspielern besteht – Ehemann Attila Hörbiger ist Burgschauspieler, Schwager Paul Hörbiger war es, die Töchter Elisabeth Orth, Christiane und Maresa Hörbiger sind oder waren es.

In dem Dilemma, einerseits die Wessely zu sein, andererseits die Mutter des Hörbiger-Clans, spannt sich ihr Leben: Bisweilen, wenn ihr die vielen Hörbigers ringsum beklemmlich werden, wenn zuviel Leben der Kunst zu nahetritt, dann kann sie schon mit dem Gegen-Entwurf eines Wessely-Lebens liebäugeln. Die Utopie der Wessely: das Leben nichts anderes sei als die Summe der gespielten Rollen.

Eine Utopie, gemischt aus Sehnsucht und schlechtem Gewissen. Denn die gefeierte Mütterdarstellerin, die auf der Bühne ihr Mutter-Bild bis in den Trivial-Kitsch hinein behauptet, möchte auch im Leben eine gute Mutter gewesen sein. An guten Kritiken seitens der Familie ist ihr heute ängstlich viel gelegen. „Sie kämpft darum“, sagt die jüngste Tochter Maresa, „daß sie uns als Mutter nichts schuldig geblieben ist.“ Zusatzgedanke: Selbstverständlich ist sie der Familie manches schuldig geblieben, aber das wird man ihr nicht sagen.