Kirchdorf-Süd: Eine städtebauliche Fehlleistung, die niemand mehr verantworten will

Von Ulla Plog-Handke

Jeder, der mal auf der Autobahn 1 zwischen Hamburg und Hannover gefahren ist, kennt die Häusermauer: In Hohe der Raststätte Stillhorn springt sie plötzlich und ohne jede Häuser, nung hart an den Rand der Fahrspur. Man möchte sich die Augen scheint Wieso stehen hier Häuser, so dicht an der Autobahn?

Unvermittelt scheint das mächtige Halbrund ins flache Marschland gesetzt, rechts und links dehnen sich grüne Weiden. „Unsere Eigernordwand an der Autobahn“, spotten die, die drinnen wohnen, höre ich später, und ich frage mich: Wer hat sich das bloß ausgedacht? Was sagen denn die Planer und Architekten zu ihren Arbeiten, nun da sie, vom Reißbrett abgehoben, wirklich in der Gegend stehen? –

An der Raststätte halten die Brummis in Reihe, gut zehn Meter hinter ihren dicken Reifen markiert ein Streifen Niemandsland aus Wällen, Bäumen und Gräben die Grenze zwischen der Autobahn und dem Hamburger Stadtteil Kirchdorf-Süd. Der Zubringer trägt mich im Bogen halb um die Siedlung herum, von hier aus gliedert sich der Wohnberg in zwei monumentale, langgestreckte Hochhäuser mit dreizehn, vierzehn Stockwerken und mehrere, in der Höhe abgestufte, breit daliegende Wohnblocks. An der Ampel öffnet sich die Festung, ich fahre hinein – und lande geradewegs am Hintereingang des Supermarkts. Entlang der Backsteinwand ohne Fenster stapelt ein Mann in weißem Kittel Kartons.

Im Herzen der Burg gibt es viel Platz, doch keinen zum Verweilen. Freiflächen wurden nach dem Motto gestaltet: Was brauchen wir Bäume, wenn wir Parkplätze haben? Schnurgerade und ohne jede Verbindung zu den Menschen oder den Häusern ziehen sich Wassergräben hindurch, angefüllt mit Müll. Einige Flachdach-Bauten, für Post, Ärzte und das Allernötigste, sind lieblos in die Gegend gestreut; sie wirken verloren, weil das Auge keinen Übergang findet von der Höhe der Wohntürme herunter. Es gibt eine Ladenzeile und eine Kindertagesstätte, die Imbißstube ist geschlossen, und an der Bushaltestelle frieren die Leute im Rücken, man sieht’s. Der Wind hat einen mächtigen Anlauf von der Elbmündung her, streicht ungehindert übers Land, bis sich ihm die Hochhäuser entgegenstellen – eine Siedlung gegen die Bedingungen der Natur gebaut. „In den Torwegen“, sagt eine junge Mutter, „hast du manchmal Windstärke 10. Kleine Kinder kannst du oft nicht allein rausgehen lassen, die werden einfach umgerissen.“

Mehr als sechstausend Menschen wohnen in Kirchdorf-Süd, ungefähr die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. Zwei Halbwüchsige daddeln mit einem Fußball bei den Mülltonnen herum. „Hier is nix los“, sagt der eine, „hier kannste nix machen.“ Nur am Wochenende, da geht er zum HSV. Jetzt geht er mit mir in einen handtuchschmalen Raum und stellt sein Fahrrad neben den Stuhl – sicher ist sicher. Hier hat die Jugendgruppe eine Bleibe, seit die dafür vorgesehene Baracke wieder mal demoliert und geschlossen ist.