Von Henryk M. Broder

An der Stelle, wo vor zwei Monaten noch Ziegen und Schafe grasten, steht jetzt eine große Halle, eine der vier neuen Grenzstationen zwischen Israel und Ägypten. Ein hoher Maschendrahtzaun und ein breiter, sauber geharkter Sicherheitsstreifen teilen die Landschaft mit absurder Gründlichkeit, die Sanddünen hüben sehen genauso aus wie die Sanddünen drüben. Ein israelischer Armeeposten kontrolliert die Ausweise. Seit dem 1. April ist der Sinai militärisches Sperrgebiet.

In Jamit, der israelischen Kleinstadt im Norden des Sinai, die in der letzten Zeit mehr Schlagzeilen gemacht hat als New York, Moskau und Port Stanley zusammen, kommt die Wüste langsam wieder zurück. Die Zufahrtsstraße ist mit Sand bedeckt, niemand kehrt mehr die Wege. Eine Woche vor dem Abzug der Israelis ist Jamit eine Mischung aus Geisterstadt und Abenteuerspielplatz. Der Verfall hat seine eigene Dramaturgie und der Widerstand, der neues Leben in die Ruinen einzuhauchen versucht, auch.

„Nein zum Rückzug“ steht da in großen hebräischen Lettern, „Nein zu einem Frieden der Lügen“ und: „Der Weg von Kairo nach Jerusalem führt über Jamit.

Das ehemalige Zentrum der Stadt wird von der Armee besetzt gehalten; In die verlassenen Wohnungen sind Soldaten eingezogen. Vor den Türen der Einfamilienhäuser liegen Abfälle. Fünfhundert Familien haben bis vor kurzem in Jamit gewohnt, etwa zwanzig sind immer noch da. Sie waren weder mit Geld, noch mit guten Worten, noch mit Druck dazu zu bewegen, Jamit zu verlassen. Ossi Preminger, 37, Einwanderer aus der Sowjetunion, gehört zu diesem harten Kern. „Geld bedeutet mir nichts“, sagt er, „das hier ist meine Stadt, ich bleibe hier, weil ich hier bin.“ Er nimmt auch Verabredungen in Jamit für die Zeit nach dem 25. April entgegen. Während Preminger fortfährt, in seiner Werkstatt Möbel herzustellen, baut Avi Farhan mit derselben Ruhe eine neue Vorratskammer an seine Küche an. Farhan, 36, ist Sprecher jener Siedler, die Jamit um keinen Preis räumen wollen. Auch er ist sicher, daß er in Jamit bleiben wird. „Die Regierung wird den Rückzug im letzten Moment stoppen, und wenn sie es nicht aus eigener Einsicht tut, wird das Volk von Israel die Regierung dazu zwingen.“

Farhan wäre bereit, auch unter ägyptischer Souveränität im Sinai zu bleiben. „Hier gibt es Sonne, Wasser, technisches Know-how, Geld. Wenn die Ägypter wirklich Frieden möchten, könnte man gemeinsam etwas aufbauen, aber Sadat hat gesagt, er will den Sinai,judenrein’.“ Farhan spricht hebräisch, nur das Wort „judenrein“ sagt er auf deutsch.

Farhan steht mit seinen Ansichten nicht allein. Über 2000 Israelis, Anhänger der Stopptden-Rückzug-Bewegung, sind nach Jamit gekommen, um gegen die Rückgabe des Sinai zu demonstrieren und den alten Siedlern den Rücken zu stärken. Organisiert wird die Besetzung durch die rechte Techija-Partei („Erneuemng“), die von der rechtsradikalen Abgeordneten Geula Cohen nach Camp David gegründet wurde.