ARD, montags bis 7. Juni, jeweils 20.15 Uhr: „Ein Stück Himmel“, achtteiliger Fernseh-Film nach der Autobiographie von Janina David

Die Zuschauerreaktionen, zu denen der WDR am späten Montagabend im Anschluß an die erste Folge des achtteiligen Fernsehfilms „Ein Stuck Himmel“ in seinem Dritten Programm voreilig und unter Zeitdruck angeregt hatte, fiel dünn aus. Sie konzentrierten sich auf die vertraute Klage über „zu dunkle Bilder“; ernst zu nehmende Fragen, denen man sich in dieser fünfzehn Minuten Sendung „Wir antworten“ hatte stellen wollen, blieben aus. Angesichts der Tatsache, daß die gezeigte erste Folge nur eine Art Präludium zu einer im Privaten gebliebenen Leidensgeschichte eines Kindes darstellte, möchte das Ergebnis niemand überraschen.

„Ein Stück Himmel“ beschreibt eine zerstörte Kindheit zwischen 1939 und 1945. Am Anfang ist die Hauptperson, mit deren Augen der Zuschauer die von ihr kaum begriffenen Ereignisse wahrnimmt, ein verwöhntes neunjähriges Kind, die einzige Tochter eines wohlhabenden jüdischen Mühlenbesitzers im polnischen Calisz. Am Ende ist sie ein wurzelloser fünfzehnjähriger Teenager, die (außer einem Onkel) einzige Überlebende einer Familie, die der „Endlösung“ zum Opfer fiel. Am Anfang verbringt sie sommerselige Ferientage in Kreuzberge, einem polnischen Dorf, untersteht der Aufsicht eines Hausmädchens und freut sich, wenn die Eltern am Wochenende zu Besuch kommen. Am Ende kommt sie auf der vergeblichen Suche nach den ihren wieder nach Kreuzberge zurück, muß den Verlust der Familie akzeptieren, versucht unter Qual und Mühe einen neuen Anfang.

Dazwischen liegen Vertreibung, Flucht, menschenunwürdiges Überleben im Warschauer Ghetto, angstvolles, einsames Untertauchen bei einer „arischen“ Familie, Verstecktwerden in Nonnenklöstern, einschließlich – nach Kriegsende – die Rückkehr in ein Leben, in dem selbst das Vertraute fremd geworden ist.

Janina Dawidowicz, die heute als Janina David in England lebt, hat ihre Kindheit seit siebenunddreißig Jahren hinter sich – die Beschreibung dessen, was ihr während des Zweiten Weltkrieges in Polen geschah, war der Versuch, mit dieser Kindheit fertig, zu werden. Nach ihrer Autobiographie, die weit ausführlicher und komplizierter ist als der Film, wurde die Serie gedreht. Geplant war jene schon, ehe der amerikanische Import „Holocaust“ deutsche TV-Konsumenten zu emotionalen Reaktionen auf eine Historienschau entflammte.

Wenn man sich angesichts der authentischen Vorlage so etwas wie einen zynischen Zungenschlag leisten könnte, würde man sagen, Drehbuchautor Leo Lehman und Regisseur Franz Peter Wirth hätten aus ihr so etwas wie eine Familienserie gemacht. Und wer weiß, vielleicht haben sie so etwas tatsächlich beabsichtigt: eine Möglichkeit für viele, sich mit Mitgliedern einer vernichtenden Familie zu identifizieren.

So ist denn die Realität in diesem Film vor allem als Hintergrund gegenwärtig. Aber diese Realität des authentischen Falles der Janina Dawidowicz unterscheidet ihn in Form und Inhalt von „Holocaust“. In der irritierend distanzierten Sicht des Kindes erhält der Terror, das Miterleben von Morden und Sterben, auch für den Zuschauer neue Perspektiven.

Die Schauspieler bleiben immer als Schauspieler, die Kulissen als Kulissen erkennbar. Das vergißt man allerdings häufig ob der bloßen Anwesenheit - nicht nur der schauspielerischen Präsenz – der bei der Produktion dreizehnjährigen Tschechin Dana Vavrova, die von dieser niemals durchlittenen, nur nachempfundenen Kindheit wie von einem zweiten Leben erfüllt scheint. Ingrid Uebe