Herman Kahn: Der Wohlfahrtsstaat hat die Deutschen träge gemacht

Bei der Zukunftsbetrachtung erliegen viele der Versuchung, die neuesten Entwicklungen und Strömungen der Gegenwart als richtungsweisend für die Zukunft zu behandeln. Dabei sind die jeweils letzten Neuheiten und „In“-Trends oft so vergänglich wie die Mode von Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Sozial und wirtschaftlich relevante Trends entwickeln sich für gewöhnlich langsamer. Eine gründliche Langzeitüberlegung wird vernachlässigt zugunsten des Haschens nach Erscheinungen, die gerade in aller Munde sind und dementsprechend auch von den Medien in breiter Form abgehandelt werden.

Die Zukunftsüberlegungen in die Schablone des kurzlebigen Gegenwartsstatus zu pressen bedeutet, sich der Gefahr ebenso kurzlebiger Voraussagen auszusetzen. Beim Eintritt in die siebziger Jahre wurden beispielsweise die enormen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Belastungen nicht vorausgesehen, die dieses Jahrzehnt überschatten sollten. Die allgemeine Erwartung in der Welt richtete sich auf eine Dekade der Expansion.

In der allgemeinen Fortschrittseuphorie begannen die Deutschen auch ihren Marsch in den Wohlfahrtsstaat. Auf dem Höhepunkt ihres Wirtschaftserfolges leistete sich die Bundesrepublik ihr „soziales Netz“. In der Folge stiegen die Sozialaufwendungen auf über ein Drittel der gesamten Haushaltsausgaben. Allein die Unterstützungen für Familien. Das Sozialbudget wurde von 1965 (112,7 Milliarden) bis 1980 (449,5 Milliarden) vervierfacht. Deutschland war, dank seines „Wirtschaftswunders“ und auf Grund von aus der Nazi-Vergangenheit resultierenden Schuldgefühlen, nicht nur die „Milchkuh Europas“ geworden und hatte für die Schaffung des Gemeinsamen Marktes – einschließlich der kostspieligen Subventionen für das europäische Agrarmodell – und die Nato bereitwillig die Taschen geöffnet. Die Staatsausgaben sprudelten jetzt auch im inneren Bereich, im Vertrauen darauf, daß die Errungenschaften der Vergangenheit in der Zukunft nicht nur gehalten, sondern weiter ausgebaut werden könnten.

Jedoch – in dieser Dekade endete die zweite große „Belle Epoque“ des 20. Jahrhunderts, die über zwei Jahrzehnte hinweg sowohl den kapitalistischen als auch den hochentwickelten kommunistischen Ländern hohe Wirtschaftswachstumsraten beschert hatte. Die Ölpreise begannen ihren Höhenflug, Inflationsraten wurden weltweit zweistellig – mit Ausnahme der Bundesrepublik, der Schweiz und wenigen anderen Ländern – und das Geschäftsklima kühlte ab.

Ein Jahrzehnt später, zu Beginn der achtziger Jahre, standen die Vorzeichen genau andersherum. Da die zurückliegenden Jahre schlechte Zahlen gebracht hatten, spiegelte sich die soeben gemachte Erfahrung in den Erwartungen wider. Jetzt wurde gern geglaubt, es gehe weiter abwärts.

Eine derartige Extrapolation ist allerdings zu einfach und darf höchstens als warnendes Beispiel stehenbleiben. Die achtziger Jahre geben uns manches Rätsel auf; sollte sich die Welt verfrüht den Lockungen der Freizeit- und postindustriellen Gesellschaft hingeben, dürfte das Resultat eine fortgesetzte Stagnation sein. Andererseits bieten die achtziger Jahre, unter anderem auf Grund neuer Technologien, die Gelegenheit für schnelles und dauerhaftes Wachstum, Innovationen, Investitionen und Produktivität.