Auf der Suche nach den Wurzeln der Wirtschaftskrise

Von Thilo Sarrazin

Wenn heute nach den Ursachen der Wirtschaftskrise und der hohen Arbeitslosigkeit gefragt wird, dann werden meist die Opec, dann die demographische Entwicklung und schließlich – je nach Standort – unterschiedliche politische Schuldzuweisungen gemacht.

Bei näherem Nachdenken kann dies jedoch nicht befriedigen. Zu ähnlich sind bei aller Vielfältigkeit die Probleme, mit der die meisten Industriestaaten zu kämpfen haben, auch jene Länder, die selbst Öl exportieren. Die Ölkrise und die steigende Zahl von Erwerbspersonen haben die ökonomischen Folgen anderer Entwicklungstrends verschärft, aber sie haben sie nicht geschaffen: Zu diesen Faktoren gehören vor allem:

  • Die schon in den sechziger Jahren einsetzende fortschreitende Abnutzung der Globalsteuerung keynesianischer Prägung bei weltweiter Zunahme der Inflationstendenz (auch unabhängig von den Ölkrisen).
  • Zunehmende Sättigungsgrenzen in vielen Bereichen der Endnachfrage kombiniert mit neuen Möglichkeiten arbeitssparenden technischen Fortschritts.
  • Geringere Orientierung am materiellen Erfolg in meinungsbildenden sozialen Gruppen, eine veränderte Einstellung zur Arbeit, ein allmähliches Verblassen jener Erfolgs- und Leistungsethik, die der eigentliche Geist des Kapitalismus ist.
  • Unbeabsichtigte Nebenwirkungen eines streng durchgeführten Sozialstaatsprinzips auf ökonomische Verhaltensweisen und allgemeine Lebenseinstellungen.
  • Wachsendes Umweltbewußtsein, zunehmender Widerstand gegen unerwünschte Begleiterscheinungen wirtschaftlichen Wachstums.
  • Höhere Genußorientierung, sinkendes Zukunftsvertrauen in allen sozialen Gruppen.

Es ist offenbar nicht so, daß die geringere Orientierung des eigenen Verhaltens am materiellen Erfolg eine entsprechend stärkere Bereitschaft zur materiellen Bescheidung mit sich bringt. Einkommensverbesserungen bleiben für alle ein erwünschtes Ziel, nur die damit verbundenen Anstrengungen werden weniger populär, was eine Verschärfung der Verteilungskämpfe und damit eine tendenzielle Verschärfung inflationären Drucks bedeutet (Tarifauseinandersetzungen sind nur ein kleiner und vielleicht nicht einmal der wichtigste Bestandteil dieses umfassenden gesellschaftlichen Prozesses). Gleichzeitig sinkt der Wille, die privaten oder sozialen Kosten einer Zunahme des Lebensstandards zu ertragen. Es sinkt der Wille, Ungerechtigkeiten und Härten hinzunehmen, es steigt das Gespür für das tatsächlich oder vermeintlich Unzumutbare.

Es ist nur schwer zu klären, inwieweit der so skizzierte Wert- und Bewußtseinswandel, der maßgeblich Ergebnis des wirtschaftlichen Aufschwungs der letzten drei Jahrzehnte ist, seinerseits wieder die gegenwärtigen Wirtschaftsprobleme mitverursacht beziehungsweise ihre Lösung erschwert.