München, im April

Einen Hoffnungsschimmer hat sich die SPD eben noch vor ihrem Münchner Parteitag selbst beschert. Sein Spender saß seit Montag unauffällig in der zweiten Reihe im Tagungspräsidium in der riesigen Arena in der Olympia-Halle, neben den Spitzen der Parteiführung, dem Vorsitzenden, Kanzler und den Präsidiumsmitgliedern: Johannes Rau, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident und neue Stellvertreter des Parteivorsitzenden Willy Brandt. Er schien so ziemlich der einzige in der Prominentengalerie zu sein, dessen Gesicht sich gelegentlich zu einem Lächeln öffnete. Aber das hat dann kaum etwas mit seinem Aufrücken in die sozialdemokratische Führung zu tun. Johannes Rau lächelt in erster Linie, weil er ein fröhlicher Mensch ist.

Daß seine Erwählung, vom Parteivorstand einstimmig gebilligt, in der Partei so positive Resonanz gefunden hat, mag auch damit zusammenhängen. Gewiß sprach für Rau, daß er Ministerpräsident des größten Bundeslandes und Vorsitzender des mitgliederstärksten SPD-Landesverbandes ist. Obendrein mag es eine Rolle gespielt haben, daß er der letzte SPD-Politiker gewesen ist, der sich mit seinem Wahlsieg in der Landtagswahl 1980 als unbezweifelbar und über alle Erwartungen hinaus erfolgreich gezeigt hat. Vor allem aber verkörpert Rau so etwas wie ein Stück heile SPD-Welt – so ziemlich das einzige, das in der Partei gegenwärtig noch anzutreffen ist.

Und nichts fehlt der Partei in ihrer gegenwärtigen Lage so sehr wie der Beweis, daß eine solche SPD nicht nur Erinnerung ist, sondern auch noch Gegenwart sein kann. Denn überall in ihr nistet eine Ratlosigkeit, die tiefer reicht als das Erschrecken über die letzten Wahlniederlagen. Auf dem Münchner Parteitag war sie auf Schritt und Tritt zu spüren. Sie schwang in allen Reden mit, gleichgültig, wer sie hielt. Sie durchzog die Gespräche am Rande des Plenums. Sie prägte offiziöse und, mehr noch, inoffiziöse Verlautbarungen.

Alle Diskussionsteilnehmer, ob kämpferisch oder analytisch, rechts- oder linksgewirkt, dem Beschäftigungsprogramm oder der Friedenspolitik zugewandt, redeten im Grunde genommen gegen ein und dasselbe an: gegen die Fassungslosigkeit, die ob des katastrophalen Stimmen- und Meinungsabfalls von der SPD Besitz ergriffen hat. Selbst in den beiden Grundsatzreden, mit denen der Parteivorsitzende Brandt und Bundeskanzler Schmidt am Montag und Dienstag das Parteitagsschiff auf Kurs brachten, keimte zwischen Appellen und Grundsatzerklärungen immer wieder Ratlosigkeit darüber, wie es denn habe geschehen können, daß sich seit 1981 vor den Sozialdemokraten eine Stimmungs-Wand aufbauen konnte, die sie nun zu erdrücken droht.

Irgendwie will es der Partei nicht in den Kopf, daß sie, der Wahl-Mitsieger von 1980, heute kurz vor dem Absturz in die Opposition steht. Gewiß, da sind – jeder gibt das zu – Fehler begangen worden. Aber hat sich auf der anderen Seite die Partei nicht mit all den Problemen redlich herumgeschlagen, die für die Zukunft wichtig sind: Ökologie und Kernkraft, Jugendfragen und Rüstung? Ist denn das „Prinzip SPD“, wie es ein Bundestagsabgeordneter genannt hat, also: die reformerische Gesellschaftsveränderung, nicht nach wie vor richtig? Ist nicht die Sozialdemokratische Partei mit Analysen und Theorien so gut ausgestattet wie keine andere Partei, um den Problemen von morgen zu begegnen? Dennoch wenden sich die Wähler in Scharen ab. Die möglichen Ursachen dafür wurden in München hin- und hergeschoben wie die Spielsteine auf einem Mühlebrett. Das Ergebnis blieb frustrierend mager.

Doch Raus Eintreten in die engste Parteiführung nährt auch aus einem anderen Grund Erwartungen. Beginnt die Neuformierung der SPDspitze mit ihm endlich Gestalt anzunehmen? Was dieser Frage in München besonderen Nachdruck gab, war eine Lücke in den Parteitagsreihen, die zwar nicht sichtbar war, aber doch von niemandem übersehen werden konnte, weil sie ein historisches Datum bedeutet: Zum ersten Male in der Nachkriegszeit fehlte Herbert Wehner bei einem SPD-Parteitag. Eine Lungenentzündung hat den fast 76jährigen in diesem Frühjahr gepackt. Wehners Fernbleiben warf einen Schatten auf sein Ausscheiden aus dem Parteivorstand. Er gab der Würdigung der 30jährigen Tätigkeit Wehners in der SPD-Führung, die Hans-Jürgen Wischnewski vortrug, schon etwas vom Rückblick auf eine entgleitende Ära.