Aufrecht und hart, ohne fremde Hilfe, ging er hinter dem Sarg seines Sohnes her: Der siebenundneunzigjährige Vater Robert Havemann. Ob es wohl für ihn ebenso schwierig gewesen war, Vater von Robert Havemann zu sein, wie es bekanntlich schwer für Florian Havemann gewesen war, Sohn eines solchen Mannes gewesen zu sein? Florian ging wenige Schritte hinter seinem Großvater. Seit 1977 lebt er (wie seine Schwester Sybille) in der Bundesrepublik. Doch leicht hat es Robert Havemann nur selten jemandem gemacht. Er hat gesagt, was er dachte, ohne Rücksicht auf sich und andere.

Bei der Beerdigung hat es die DDR-Obrigkeit auf eine letzte Konfrontation nicht mehr ankommen lassen. Zwar wurde vielen Havemann-Freunden aus dem Westen die Einreise verweigert, es gab Kontrollen auf dem Ost-Bahnhof Erkner (letzte Bahnstation vor Grünheide), Autokontrollen vor dem Ort Grünheide, doch auf dem stillen Waldfriedhof hielten sich Polizei und Staatssicherheit zurück. „Ist das denn der richtige Friedhof?“ fragte ein junger Mann mit zwei kleinen Kindern an der Hand die alte Frau, die auf dem Grab ihres Mannes die Stiefmütterchen goß. „Da vorn ist das Grab“, zeigte sie und erzählte, daß sie Havemann gekannt habe. „Er war ein guter Mensch.“ Dann regte sie sich unvermittelt auf. „Haben sie gesehen, wie der Biermann am Sterbebett von Havemann gesungen hat? Das war ja pietätlos. Wenn sie den hiergelassen hätten – der hätte sogar hier noch gesungen.“

Schon eine Stunde vor der Beerdigung trafen erste Trauergäste ein. Das junge Paar zum Beispiel, er mit Bart und Baskenmütze, sie mit Nickelbrille und Regenmantel. Sie hatten Havemann nicht gekannt, wollten „aus Solidarität“ bei seiner Beerdigung dabeisein. Viele junge Leute waren gekommen, manche mit „Schwerter zu Pflugscharen“ als Anhänger um den Hals oder als Anstecker, der vorsichtshalber erst auf dem Friedhof aus der Tasche gezogen wurde. Ein Mädchen erzählte einem jungen Mann mit Hund, daß sie mit dem Rad gekommen und gar nicht kontrolliert worden sei. Mehr als fünfhundert Menschen waren es schließlich, die Robert Havemann das letzte Geleit gaben. Von der Familie die junge Witwe mit der neunjährigen Franziska an der Hand; ihr hatte man „Schwerter zu Pflugscharen“ an den Mantel genäht. Dann eben der alte Vater, Sohn Frank aus der DDR, Florian und Sybille aus dem Westen. Wenig Prominenz: Stefan Heym, der sich sicher nicht zu den Jüngern Havemanns zählt, und die Liedermacherin Bettina Wegner; die Ex-DDR-Schriftsteller Klaus Schlesinger und Kurt Bartsch waren aus West-Berlin gekommen. Der Historiker Peter Brandt, Sohn von Willy Brandt, der SPD-Bundestagsabgeordnete und Havemann-Herausgeber Freimut Duve, der mit der Bahn einreisen mußte, mit dem üppigen Rowohlt-Kranz etwas hilflos im Arm. Zwei Abgeordnete der Alternativen Liste aus. West-Berlin und DDR-Pfarrer Eppelmann, der mit Havemann den Friedensappell „Frieden schaffen ohne Waffen“ initiiert hatte.

Pfarrer Meinel aus Grünheide, ein Freund Havemanns, hielt eher eine freundschaftliche als christliche Ansprache. „Nun ist wieder einer tot, der die Nazizeit erlebt hat“, flüstert ein älterer Mann vor mir seiner Frau zu. „Ein Antifaschist aus eigener Erfahrung.“ Hinter uns buddelten kleine Kinder fröhlich im Sand. Daneben saß eine Gruppe Behinderter mit ihren Betreuern. Als Pfarrer Meinel über die Hoffnung sprach, packten sie leise ihre Stullenpakete für ihre Schützlinge aus. Die Sonne kam manchmal zwischen den Birken durch. Möglicherweise dem Leben dieses unbequemen Zeitgenossen nicht entsprechend – es war eine Beerdigung in aller Stille und in fast heiterer Harmonie. Marlies Menge